Die Kirche spricht nicht mehr die Sprache der Menschen

Eine Replik zur Resolution des Kirchengemeinderats von Michael Steibli

Zunächst vielen Dank an den KGR, dass Ihr dieses Thema mit deutlichen Worten und sehr bestimmt zur Sprache bringt. Es rumort schon lange bis in die Tiefen der treuen Gemeinden, nicht nur bei uns. Gründe gibt es genug:

  • Der Missbrauchsskandal und seine (schleppende) Aufarbeitung und gleichzeitig das Urteilen über und Verurteilen von Menschen durch die Kirche, wobei das Wesentliche außer Acht bleibt, Recht, Barmherzigkeit und Treue (Mt. 23,23.),
  • die weit von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernte kirchliche Sexualmoral,
  • die quasi als Demonstration der Macht gerade an die Kirche in Deutschland gerichtete Weisung, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare zu unterlassen,
  • die Absage an den pastoralen Weg zur Zulassung wiederverheirateter Geschiedener oder evangelischer Christen zur Kommunion,
  • das Festhalten am Pflichtzölibat,
  • und vor allem und zunehmend die für viele, Männer wie Frauen, unerträglich (gewordene) Haltung zur Rolle der Frau in der Kirche.

Ich habe bestimmt nicht alles aufgezählt.

Die Verantwortlichen scheinen die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen

Die Kirche spricht nicht mehr die Sprache der Menschen und erreicht ihre Herzen nicht mehr. Das führt nicht nur zu einer Entfremdung vieler Menschen von ihrer Kirche, was die vielen Kirchenaustritte belegen, sondern auch dazu, dass die Botschaft des Evangeliums nicht mehr vermittelt werden kann. Die Verantwortlichen scheinen die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen. Wut und Verzweiflung vieler Glaubenden in der Kirche sind verständlich.

So ist es gut, dass wir nicht nur still und im kleinen Kreis uns beklagen, sondern unseren Schmerz und unsere Sorge offen bekennen. Und deshalb, vielen Dank für Eure Initiative.

Können Resolutionen tatsächlich Veränderungen erzeugen?

Dennoch habe ich vier Anmerkungen, die mir wichtig sind:

1 Die Missstände in der Kirche sind schlimm, keine Frage

Es fällt schwer, einfach tatenlos weiter zuzuschauen oder sich sogar anderen gegenüber für das Bild der Kirche rechtfertigen zu müssen, nur, weil man selber aktiv der Kirche angehört. Viele haben genug davon.

Dennoch ist die Kirche keine Vereinigung, der man mehr oder weniger freiwillig angehört und sie ist kein Ort politischer Auseinandersetzung. Die Kirche ist ein Ort der spirituellen Entwicklung der Menschen, die von Gott berührt sind, eine Gemeinschaft der Gottsuchenden, wie unterschiedlich das auch immer für jeden einzelnen Menschen sein mag. Für viele Menschen ist die Kirche eine Heimat, ein spiritueller Ort, der ihnen Halt und Sicherheit gibt. Es ist deshalb, bei aller Entschlossenheit, wichtig, diese Heimat nicht in Frage zu stellen oder gar zu zerstören.
Der KGR spricht für die ganze Gemeinde, nicht nur für Teile davon. Er hat keine politische, sondern eine pastorale Aufgabe. Ich finde es deswegen richtig und wichtig, die Diskussion zunächst einmal innerhalb der Gemeinde zu führen und zwar möglichst breit. Nicht alle werden sich an der Diskussion beteiligen wollen und erst recht wird sich kein Konsens finden. Aber wenn ein Schritt weiter in die Öffentlichkeit gegangen werden soll, sollen sich auch die wiederfinden, die in der Kirche, wie sie ist, ihre spirituelle Heimat haben. Wir müssen gut überlegen, ob wir ihnen nicht das Dach über dem Kopf anzünden und sie alleine lassen. Das sollte nicht sein. Eine Spaltung unserer Gemeinde, eine Heimatlosigkeit, eine Bitterkeit würde alles nur noch schlimmer machen. Noch können wir in den Dialog mit allen treten und sollten dafür auch ein Format finden, wie das Gespräch und die Beteiligung gesucht werden kann.

2 Eine solche Resolution mag eine große Wirkung in der Öffentlichkeit hervorrufen. Aber ist es auch die Wirkung, die wir beabsichtigen?

Es gibt viele Stimmen in unserer Gesellschaft, die keine Gelegenheit auslassen, sich gegen die Kirche an sich zu positionieren und die Kirche beschädigen oder gar zerstören wollen. Die Berichterstattung z.B. im Nachrichtenmagazin SPIEGEL ging weit über die objektive Darstellung der Vorgänge in Köln hinaus und zielten gegen die Kirche. Von wem bekommen wir Applaus für diese Aktion und was wollen die, die applaudieren? Beschädigen wir nicht noch mehr das, was wir zu bewahren suchen?

Ein anderes Beispiel mag das verdeutlichen: Die Künstler, die mit ihrer Videoaktion jüngst auf die Unerträglichkeit der Corona-Maßnahmen aus ihrer Sicht hinweisen wollten, bekamen als erstes (und einziges) Zustimmung der extremen Rechten, also derjenigen, denen jede Stimmung recht ist, um sie gegen die Demokratie zu richten. In gleicher Weise müssen wir darauf achten, nicht denen in die Hände zu spielen, die die Kirche an sich bekämpfen. Welche Lawine treten wir los?

3 Wie gehen wir um mit dem absehbaren Ergebnis der Aktion, nämlich, dass sich nichts in die geforderte Richtung bewegen wird?

Wir dürfen nicht naiv sein. Niemand in Rom wird an den drängenden Themen etwas ändern, und z.B. sich dafür aussprechen, den Pflichtzölibat abzuschaffen oder die Frauen zu Weiheämter zuzulassen, nur weil einzelne Kirchengemeinden in Deutschland das fordern, selbst dann nicht, wenn viele oder sogar die meisten Gemeinden in Deutschland eine entsprechende Resolution verabschieden würden. Welche Hoffnung setzen wir in die Aktion und wie bewerten wir diese Hoffnung? Wie gehen wir mit Frustration um oder besser, wie vermeiden wir sie? Wie gehen wir weiter? Wir wissen, dass es dumm wäre, sich und anderen vormachen zu wollen, die Kirche lasse sich mit wenig Aufwand leicht verändern.

4 Deshalb komme ich zum Schwierigsten, weil es uns selbst fordert: wie finden wir den richtigen Weg?

Die Amazonassynode 2019 versuchte u.a. für das drängende Problem des Priestermangels im Amazonasgebiet eine Lösung zu finden und schlug vor, dass bestimmte, im Geist der Kirche verhaftete, verheiratete Männer, sog. „viri probati“ zu Priestern geweiht werden können, um vor Ort die Eucharistie zu feiern und so der spirituellen Dürre in diesem Teil Brasiliens begegnen zu können. Obwohl allgemein erwartet worden war, dass der Papst diesem Beschluss der Synode zustimmt, hat er seine Zustimmung verweigert. Später hat er erklärt, warum er nicht zustimmen konnte: weil bei dem Beschluss die Unterscheidung der Geister gefehlt habe.

Es ist eine theologische und vielleicht gerade deshalb, zentrale Frage. Was ist damit gemeint?

„Geliebte, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind“ (1 Joh. 4, 1)

Es ist die Frage, ob ich in meinem Handeln Gott oder den Menschen dienen will, ob ich in meinem Handeln von dem, was mir wichtig ist, angetrieben werde, oder ob Gott in mir wirkt oder besser, ich dem Wirken Gottes in mir Raum lasse, ohne es durch meinen Willen zu verstellen. So ist es Paulus wichtig danach zu fragen, ob er den Menschen oder Gott gefallen will.

„Weil Gott uns für wert geachtet hat, uns das Evangelium anzuvertrauen, darum reden wir, nicht, als wollten wir den Menschen gefallen, sondern Gott, der unsere Herzen prüft.“ (1 Thess. 2, 4)

„Geht es mir denn um die Zustimmung der Menschen oder geht es mir um Gott? Suche ich etwa Menschen zu gefallen? Wollte ich noch den Menschen gefallen, dann wäre ich kein Knecht Christi.“ (Gal 1, 10)

Das ist nicht einfach. Schon gar nicht können wir sagen, was Gott will. Der Ruf „Deus lo vult“ – „Gott will es“ –war der Schlachtruf der Kreuzritter. Viel Leid ist mit dem, was Gott angeblich will, verursacht worden. Niemand kann wissen, was Gott will oder nicht will. Wer behauptet, das zu wissen, liegt immer falsch.
Deshalb geht es nicht darum, das zu tun, „was Gott will“, sondern das eigene Handeln, Denken und Tun danach auszurichten, Gott und nicht dem (Ego des) Menschen dienen zu wollen. Dafür braucht es die „Unterscheidung der Geister“, die eine Herzensbildung ist. Bin ich in meinem Herzen weit genug, mich Jesus zu öffnen, ihm zu folgen, wohin er mich auch führt, auch wenn mein Wille ein anderer ist? So wie er, selbst bei der Frage von Leben und Tod, seinen Willen zurücktreten ließ und sich dem Willen des Vaters unterworfen hat (Mt. 26, 39).

Aus dieser bedingungslosen Nachfolge kommt eine ungeheure Kraft

Das ist sehr wichtig. Es erfordert neben der Bildung des Herzens auch immer wieder die Infragestellung der eigenen Haltung, die Hingabe und die Offenheit für das Wort Jesu. Es ist die bedingungslose Nachfolge (Mt.4, 19-22), die unseren Glauben ausmacht und an dessen Wurzeln wir hier geführt werden. „Dir Herr will ich folgen, wohin auch immer du mich führst.“

Im 12. Jahrhundert, zur Zeit des Franziskus von Assisi, befand sich die Kirche wegen ihres Prunks und Ausschweifung im krassen Gegensatz zur Glaubens- und Lebenswelt des Großteils der Bevölkerung, was zu einem Verfall der Glaubwürdigkeit der Kirche führte. Ausgelöst durch eine tiefe persönliche Krise, beschäftigte sich Franziskus von Assisi mit der Schrift. Durch Gebet und konsequentes Handeln, was sich ihm im Glauben offenbarte, vor allem durch die Armut, suchte und fand Franziskus Gott, zuerst in seinem Herzen und dann überall in allem, was ist. Im Gegensatz zu den Armutsbewegungen der damaligen Zeit, die sich als kritische Gegner der Kirche positionierten, lag es Franziskus am Herzen, im Herzen der Kirche zu bleiben.

Gott kam Franziskus zu Hilfe

Viele Menschen fühlten sich davon angezogen. Er gründete, ohne es von Anfang an beabsichtigt zu haben, eine kleine Gemeinschaft, die in Armut und Demut das Evangelium lebte. Später ging er nach Rom, um sich den Segen des Papstes für seine Gemeinschaft zu holen. Das war auf den ersten Blick ein völlig aussichtsloses Unterfangen, denn der Papst hatte nicht nur den Armutsbewegungen eine Absage erteilt, viele wurden sogar durch die Kirche verfolgt. Aber Gott kam Franziskus zu Hilfe. Papst Innozenz III sah im Traum Franziskus als Bettelmönch die einstürzende Kirche stützen. So gab er ihm und seiner kleinen Gemeinschaft doch den Segen der Kirche. Der Wandel erfasste die ganze Kirche und erneuerte sie. Später begriff Franziskus, dass das Wort Jesu, das er in der kleinen Kirche von San Damiano gehört hatte, nicht nur wörtlich, sondern darüber hinaus auch in einen viel größeren Sinn zu verstehen war: „Franziskus, baue meine Kirche wieder auf“.
Durch seine einfältige und bedingungslose Nachfolge Jesu gelang es ihm, der Kirche und vielen Menschen einen neuen, spirituellen Impuls zu geben.

Fensterglas Franz von Assisi
Fensterglas Franz von Assisi

Was heißt das für uns?

Ich würde mir wünschen, dass wir leben, was wir glauben und nicht erst, wenn wir das ausdiskutiert haben.

Lasst uns leben, was wir glauben! Bereits jetzt gibt es viele Möglichkeiten, dass sich Frauen in der Kirche und in der Gemeinde engagieren. Machen wir die Frauen in der Liturgie sichtbar oder besser; ihr Frauen macht euch sichtbar! Als Lektorinnen, als Predigerinnen, als WGF-Leiterinnen, uvm., bei Trauungen, Trauerfeiern, bei allem, was wir in der Gemeinde machen, fördern wir gemeinsam, dass Frauen in der ersten Reihe stehen. Bis auf das Spenden der Sakramente können Frauen bereits derzeit vieles machen. In der Messe muss der Pfarrer als Priester nur die Eucharistiefeier selber machen, das meiste andere können alle anderen.

Ich möchte das auch in den Liturgieausschuss einbringen.

  • Schaffen wir die Stelle einer Frauenbeauftragten und verlangen wir die Bezahlung der Stelle von der Diözese!
  • Leben wir, dass Frauen gleichberechtigt sind und bleiben wir untereinander im Gebet verbunden!
  • Laden wir alle Paare und ausdrücklich auch homosexuelle Paare, zu einem Tag der Liebe in unsere Gemeinde ein, feiern wir gemeinsam mit allen Paaren und bitten Gott um seinen Segen
  • Aber veranstalten wir auch eine jährliche Feier, wo sich Ehepaare das Eheversprechen, das sie vor Gott gegeben haben, erneuern können.

Wir sind verschieden, und doch sind wir alle auf die eigene Weise, Teil dieser großen Gemeinschaft.

Lasst uns bunt und laut und sichtbar werden

Und vieles mehr. Lasst uns bunt und laut und sichtbar werden. Nicht gegen etwas, sondern für etwas. Leben wir unseren Glauben und nehmen wir auch die mit, die sich schwer tun mit dem Neuen. Geben wir auch Ihnen ausdrücklich eine Heimat. Beleben wir das traditionelle und das neue spirituelle Gemeindeleben.

Handeln wir aus dem Geist Gottes, können wir nicht verlieren. Das ist unmöglich. Nur kommt es auf die Unterscheidung der Geister an. Dem müssen wir, jeder und jede von uns, breiten Raum geben und uns in unserem Herzen immer wieder fragen, will ich Gott, oder den Menschen dienen? Wir haben eine feine Empfindung dafür und spüren in unserem Herzen, wann das eine und wann das andere der Fall ist. Wir haben die Gabe der Unterscheidung der Geister. Machen wir davon Gebrauch! Und warten wir ab, was passiert.

Es ist, wie gesagt, das Schwerste, denn es fordert uns alle persönlich und geht nicht einfach so nebenher.
Ich finde den schönen Spruch von Frére Roger, dem Gründer von Taizé, in unserem Gotteslob so passend und mutmachend: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es“.

Ein Gedanke zu „Die Kirche spricht nicht mehr die Sprache der Menschen

  1. Meine Güte!!!! Was für ein spiritueller und nachhaltiger Kommentar zur Resolution des Kirchengemeinderats von Dir, lieber Michael. Ganz ehrlich, es hat mich zutiefst berührt, als ich diesen Beitrag las.

    Du hast die Misere unserer Kirche und eventuelle Lösungsmöglichkeiten sehr anschaulich und eindrücklich beschrieben. Als Mitglied der Bewegung Maria 2.0 habe ich mich hauptsächlich mit den Unwegbarkeiten und Hindernissen in unserer Kirche beschäftigt, so dass ich manchmal das Himmlische, das uns Gott immer wieder offenbart und schenkt, aus dem Blick verloren habe. Gott ist Glaube – die Institution Kirche ist das Gebäude dazu und dessen Mauern sind rissig und brüchig geworden, weil es von Menschen mit Verantwortung zu wenig gepflegt und gehegt wurde. Die Hirten haben ihre Herde auf´s sträflichste vernachlässigt und der Seelsorge zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, dafür den Erhalt von Macht und Schutz der Institution „Kirche“ in den Vordergrund gestellt. Bei immer größer werdenden Seelsorgeeinheiten werden die Priester zu Verwaltern ihrer Pfarreien und es bleibt zu wenig Zeit, sich den Menschen zuzuwenden.

    Wir sind Kirche!

    Lisa Kötter, eine der Mitbegründerinnen von Maria 2.0 sagte in einem Interview sinngemäß, ‚wir alle sind Kirche, was warten wir darauf, dass uns ein Geweihter Spiritualität anbietet, wir können das jederzeit selbst tun. Wir sind mit dafür verantwortlich, wie wir unseren Glauben leben, nach außen zeigen und verinnerlichen‘.

    Lisa Kötter ist an ihrer Kirche verzweifelt und hat die Konsequenz gezogen, indem sie sich einen Termin beim Rathaus für den Austritt holte, auf den sie zwei Monate warten muss, weil es dort dafür eine Warteschlange gibt. Aber an ihrem Glauben hält sie weiterhin fest. Sie wird sich weiterhin für die Schöpfung Gottes und das im Evangelium verankerte Glaubenswissen einsetzen, auch ohne Institution.

    Leider hat Bischof Marx nun seine Konsequenzen gezogen und möchte sein Bischofsamt, wegen Unbeweglichkeit zu Neuerungen in der Kirche, abgeben. Damit vermittelt er uns den Eindruck, dass der Synodale Weg, bei dem er maßgeblich mitwirkte, keine Fortschritte bringen wird. Das war ein schwerer Schlag für alle, die auf kleinste Fortschritte, was die Rolle der Frau betrifft, wie z.B. die Weihe zur Diakonin und Aufhebung des Pflichtzölibats, hofften.

    Daher finde ich Deine Vorschläge zu einer bezahlten Frauenbeauftragten-Stelle in unserer Diözese sehr gut. Und ebensosehr untersütze ich die Idee, dass wir von der Institution Katholische Kirche ausgegrenzte Menschen bewusst begrüßen und willkommen heißen. Denn unsere Gemeinden lebten schon lange fortschrittlicher, als von Rom erlaubt und WIR sind Kirche!

    Gerlinde Münch, Kirchengemeinderätin – Christus König des Friedens, Kirchentellinsfurt

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