Schweigen oder Aussitzen hilft nicht: Die Pressekonferenz der deutschen Bischöfe zum Thema Missbrauch

Vom Montag dem 24. bis Donnerstag 27. September trafen sich die deutschen Bischöfe in Fulda zur Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) ist der Zusammenschluss der römisch-katholischen Bischöfe aller Diözesen in Deutschland. Geleitet wird das Zusammentreffen von ihrem Vorsitzenden, dem Kardinal Reinhard Marx (München und Freising). Am 25.9. gab es eine Pressekonferenz zum Thema Missbrauch.

von Rainer Degen

Die Bischofskonferenz

Die Bischofskonferenz ist gemäß der Satzung der „Zusammenschluss der Bischöfe der Teilkirchen (Diözesen) in Deutschland zum Studium und zur Förderung gemeinsamer pastoraler Aufgaben, zu gegenseitiger Beratung, zur notwendigen Koordinierung der kirchlichen Arbeit und zum gemeinsamen Erlass von Entscheidungen sowie zur Pflege der Verbindung zu anderen Bischofskonferenzen.“ Oberstes Organ der Deutschen Bischofskonferenz ist die Vollversammlung der Mitglieder. Dazu gibt es pro Jahr eine Versammlung im Frühjahr und eine im Herbst. An ihr nehmen aktuell 66 Mitglieder teil. Die erste deutsche Bischofskonferenz fand vom 23. Oktober bis 16. November 1848 in Würzburg statt. Seit 1867 kommen die deutschen Bischöfe regelmäßig „am Grab des heiligen Bonifatius“ zu Beratungen zusammen. Dieses Grab ist in Fulda und so ist auf besondere Weise mit dieser Konferenz verbunden. Traditionsgemäß findet hier nämlich jedes Jahr die Herbstvollversammlung statt, während sich die Bischöfe zu ihrer Frühjahrsvollversammlung an jeweils wechselnden Orten treffen.

Das beherrschende Thema der Herbstvollversammlung: der Missbrauch in der katholischen Kirche

Themen auf der diesjährigen Herbstversammlung waren zum einen und das zum wiederholten Male das weitere Vorgehen zum Kommunionempfang für nicht-katholische Ehepartner. Siehe dazu auch unsere Beiträge Neues beim Kommunionempfang in konfessionsverbindenden Ehen und Für nicht-katholische Ehepartner gibt es weiterhin keine Kommunion. Des Weiteren ging es um die Veränderungen im Hinblick auf den Zusammenhalt in der Gesellschaft und gegen einen zunehmenden Populismus. In diesem Kontext steht auch unser Beitrag Die größten Umweltprobleme: Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit. Auch beschäftigten sich die Bischöfe mit dem Thema Organspende. Auch wenn das alles wichtige und aktuelle Themen sind: das alles überragende Thema war die angekündigte Pressekonferenz zum Thema Missbrauch. Die deutschen Bischöfe hatten nämlich den Missbrauch in der katholischen Kirche von neutraler Stelle untersuchen lassen. In dieser Studie geht es um den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Pfarrer, Diakone und männliche Ordenspriester.

Hilfe bei Missbrauch: Logo unserer Diözese

Hintergrund zur Studie Missbrauch

Die Studie erging im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz zunächst an den niedersächsischen Kriminologen Christian Pfeiffer. Die Zusammenarbeit wurde beendet, weil man sich über die Art und Weise der Durchführung zerstritt. Letztendlich erging die Untersuchung an das Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim unter der Leitung von Professor Harald Dreßing, einem Psychiater. Unterstützend tätig waren noch Institute für Kriminologie und Gerontologie aus Heidelberg und Gießen. Alle 27 Bistümer entschieden sich im Rahmen eines Vertrages an der Studie teilzunehmen. Mit Hilfe von Fragebögen, die Kirchenmitarbeiter auf der Basis von Personalakten und weiteren kirchlichen Dokumenten ausfüllen mussten, entstand die bislang umfangreichste Untersuchung zum Thema. Grundlage war eine Stichprobe von 38.000 Kirchenangestellten. Dazu gab es Interviews mit Betroffenen und Tätern.

Das Ergebnis der Studie zum Thema Missbrauch

Um eine Vorstellung zu bekommen: die Studie ist 365 Seiten lang. Sie stellt nicht nur den Umfang des Missbrauchs fest, sondern stellt auch die Frage, welche Rolle die katholische Sexualmoral in der autoritären Hierarchie gespielt haben mag. Und sie gibt Empfehlungen.
Die neue Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz zählt insgesamt 3.677 Opfer, die von mindestens 1.670 Priestern und Ordensleuten in den Jahren von 1946 bis 2014 missbraucht wurden. Das sind 4,4 % aller Kleriker aus dem Untersuchungszeitraum. Mehr als die Hälfte der Opfer war zum Tatzeitpunkt jünger als 14 Jahre. Weiter heißt es in der Studie, die Wissenschaftler gingen nicht davon aus, „dass es sich beim sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker der katholischen Kirche um eine in der Vergangenheit abgeschlossene und mittlerweile überwundene Thematik handelt“. Auch wenn man es geahnt hat, sind das schockierende Zahlen.

„Allzu lange ist in der Kirche Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden“

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, stellte die Ergebnisse der Missbrauchsstudie im Rahmen einer Pressekonferenz am Dienstag, dem 25. September, voe. „Allzu lange ist in der Kirche Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden“, sagte er. Er wirkte ernsthaft und glaubhaft. Auf die üblichen von vielen Seiten geäußerten Betroffenheitsbekundungen wie etwa dass man sich schämt, wie erschrocken man sei oder dass es keine Tabuthemen geben dürfe sei an dieser Stelle trotzdem verzichtet. Denn: es ist doch naiv, zu glauben, dass nach ähnlichen Untersuchungen in anderen Ländern wie Chile, USA oder Australien, wo diese Untersuchungen dort schockierende Ergebnisse lieferten, Deutschland der einzige weiße Fleck auf der Landkarte sein sollte. Fakt ist, die Kirche hat Vertrauen verspielt. Es sollte also nicht verwundern, wenn die Menschen von Kirchenvertretern schlicht und ergreifend keine moralischen Botschaften mehr hören wollen. „Sie zeigen auch institutionelles Versagen. Wir Bischöfe stellen uns dem Ernst der Stunde“, so Kardinal Marx.

Wenn die Pressekonferenz aber einen Eindruck hinterlassen hat, dann: Die katholische Kirche hierzulande will die Wende.

Lesen Sie hier: Erklärung der deutschen Bischöfe im Nachgang zur Pressekonferenz

Maßnahmenpaket gegen Missbrauch beschlossen

Wie will die katholische Kirche nun glaubhaft vermitteln, dass sie die Wende wirklich will? Es mag in der aktuellen Situation kurios klingen, aber der Skandal birgt auch eine Chance. Der Blick geht nach vorne. Tiefgreifende Reformen sind jetzt unvermeidlich, um verloren gegangenes Vertrauen widerherzustellen. Das Maßnahmenpaket ist der erste wichtige Schritt auf diesem Weg. Und man sollte sich nichts vormachen: Dieser Prozess wird dauern. Es kommt nun entscheidend darauf an, dass die Kirche mit konzentrierter Ernsthaftigkeit und Disziplin die definierten Maßnahmen beginnt umzusetzen. Dazu gehören Planung, Organisation, Steuerung, Kontrolle der vorgestellten Maßnahmen. Über den Stand der Arbeiten, über Erfolge, auch über Rückschläge, regelmäßig in bester Weise und Transparenz die Gemeinden und die Öffentlichkeit zu informieren müssen ebenfalls Bestandteile sein. Tricksen oder vertuschen würde alle Bemühungen auf einen Schlag zunichtemachen.

Die zentralen Maßnahmen aus der Pressekonferenz seien hier kurz zusammengefasst:

  1. Die Zahlung von Anerkennungsleistungen an Opfer werden überarbeitet und neu definiert.
  2. Es werden externe und unabhängige Anlaufstellen eingerichtet. Betroffene können dort mit erfahrenen Beratungsfachkräften aus den Bereichen Psychologie, Sozialarbeit und Sozialpädagogik sprechen oder sich online beraten lassen.
  3. Es wird ein Verfahren zur Führung von Personalakten von Klerikern entwickelt und diözesanübergreifend als Standard eingeführt.
  4. Im Sinne von Prävention wird es Kontrollverfahren für den Umgang bei Missbrauch geben, die der Vorbeugung dienen sollen
  5. Es soll ein „transparenter Gesprächsprozess“ zu Themen wie Zölibat und die Sexualmoral der Kirche geben.
Bischof Fürst: Schon 2002 Kommission gegen Missbrauch eingerichtet (Bild: Felix Kästle, Pfarrbriefservice)

Unsere Diözese zum Thema Missbrauch

Bei der Recherche fällt auf, dass unsere Diözese sich schon sehr früh mit dem Thema auseinandergesetzt hat und eine Vorreiterrolle innehat. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart gibt es nämlich seit 2002 die von Bischof Fürst eingerichtete unabhängige Kommission sexueller Missbrauch, deren Aufgaben und Vorgehensweise hier erklärt werden:

Es gibt konkrete Hilfe

  1. bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch in Einrichtungen der Diözese Rottenburg-Stuttgart,
  2. was zu tun ist bei Missbrauch,
  3. wohin ich mich als Opfer oder Zeuge wenden kann,
  4. welche Hilfe Opfer erhalten.
  5. Eine weitere Rubrik Ansprechpartner gibt Auskunft über Beratungsangebote der katholischen Kirche und anderer Träger, die in dieser Situation zur Seite stehen,
  6. des Weiteren eine Beschreibung wie Missbrauchsfälle in der Diözese Rottenburg-Stuttgart aufgeklärt werden.

Hier der Link zu der betreffenden Seite: Hilfe bei Missbrauch

Wir werden über die weitere Entwicklung an dieser Stelle berichten.

Gebet um Heilung Missbrauchsopfer

Gott der unbegrenzten Liebe, ewig sorgend, ewig stark,
immer da, immer gerecht: Du gabst deinen einzigen Sohn,
um uns durch das Blut seines Kreuzes zu retten.

Sanfter Jesus, Friedenshirt, verbinde mit deinem eigenen Leiden
den Schmerz von allen,
die an Körper, Geist und Seele verletzt wurden
durch jene, die das Vertrauen missbraucht haben,
das in sie gesetzt wurde.

Höre die Schreie unserer Brüdern und Schwestern,
die schwer verletzt wurden, und die Schreie derer, die
sie lieben. Beruhige ihre rastlose Herzen mit Hoffnung,
stärke ihre aufgewühlten Gemüter mit Glauben.
Gewähre ihnen Gerechtigkeit in ihrem Fall,
erleuchtet durch deine Wahrheit.

Heiliger Geist, Tröster der Herzen, heile die Wunden deines Volkes
und verwandle Gebrochenheit in Ganzheit.
Gib uns Mut und Weisheit, Demut und Gnade,
damit wir gerecht handeln.

Atme Weisheit in unsere Gebete und Werke.
Gib, dass alle, die durch Missbrauch verletzt wurden, Frieden in Gerechtigkeit finden.
Wir bitten darum durch Christus, unseren Herrn.
Amen.

(US -amerikanische Bischofskonferenz 2014,
Übersetzung: Sabine Hesse)

2 Gedanken zu „Schweigen oder Aussitzen hilft nicht: Die Pressekonferenz der deutschen Bischöfe zum Thema Missbrauch

  1. Zur Erklärung der deutschen Bischöfe bleiben doch noch viele Fragen: Warum wurden nur von der Kirche ausgewählte Personalakten ausgewertet? Warum war ein Teil der Personalakten im Reißwolf verschwunden? Und warum wurden kirchliche Institutionen nicht gleich mit untersucht? (Sängerknaben; Internate …) Unabhängige Aufarbeitung sieht anders aus!!!

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