In unserer Magazinreihe „Zu Gast bei…“ schauen wir hinter die Kulissen und blicken ein wenig in das Leben von unseren Mitmenschen.
Wolfgang Metz ist Seelsorger bei der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) in Tübingen, Mitarbeiter bei „Kirche im SWR“, schreibt regelmäßig auf Instagram über Sonntagsevangelien und Alltagsbegegnungen und immer wieder Bücher über geistliche Orte, den Einsatz von Rock- und Popmusik in der Liturgie, Alltagshoffnung, Glaubensfragen und manchmal auch Gedichte. Er beschreibt sich selbst als Romliebhaber, Musiknarr und Kinofan.
Das Interview führte Johanna Rebholz. Beide waren gemeinsam auf der Diözesanebene der KjG aktiv.
Wenn man deinen Namen in eine Internetsuchmaschine eingibt, wird neben deinen Buchveröffentlichungen sofort dein Instagram-Account angezeigt. Nicht gerade das Typischste für einen Priester. Wie bist du zum regelmäßigen Veröffentlichen auf Instagram gekommen?
Instagram hat sich so angeschlichen. Vor Corona hatte ich schon ab und zu was geschrieben, aber als dann der Lockdown war, hatte ich einerseits mehr Zeit, aber andererseits war da auch die Frage, womit man sich auseinandersetzt. Und da habe ich angefangen, jeden Sonntag ein paar Gedanken zum Evangelium aufzuschreiben. Es ist ja jetzt auch nicht so, dass ich die Masse an Followern habe, aber trotzdem bekomme ich Rückmeldungen, dass sich Leute darüber freuen. Beispielsweise sagen manche ehemaligen Ministranten, dass das noch ihre einzige Verbindung zu Kirche ist. Und daher freue ich mich, dass ich für sie eine Stimme von Kirche bleibe.
Stört es dich manchmal, dass man nur 2000 Zeichen bei Instagram nutzen kann?
Nein im Gegenteil, das ist eine gute Übung, dass man sich kurzfassen muss. Das ist das alte Spiel, was Langes zu erzählen, ist meistens keine Kunst. Wie Goethe schon gesagt hatte: Ich habe heute keine Zeit, einen kurzen Brief zu schreiben, daher schreibe ich einen langen. Die Kunst ist es, die Inhalte auf den Punkt zu bringen. Und das ist dann auch oftmals eine gute inhaltliche und sprachliche Vorbereitung für manche Predigten.
Deine Stimme kennen manche vielleicht von den SWR 4 Abendgedanken. Man kann dich immer wieder im Radio hören.
Genau, ich bin Mitarbeiter bei „Kirche im SWR“. Das Schöne daran ist, dass Radio nochmal ein ganz anderes Medium ist. Mit meinen Predigten, Büchern und Social-Media-Posts schreibe ich für ein kircheninternes Publikum. Und beim SWR ist es so, dass ich eher zu Menschen spreche, die nichts mit Kirche zu tun haben und diese sollten trotzdem etwas damit anfangen können. Und das finde ich total spannend. Ich versuche trotzdem etwas für ihren Glauben, ihr Sehnen und Hoffen – oder was auch immer – mitzugeben. Ich kann natürlich manchmal auch direkt über meinen Glauben, Hoffen, Gott oder die Bibel sprechen. Aber oft erzähle ich Geschichten, bei denen dies irgendwie aufscheint, ohne dass es gleich mit der Missionskeule kommt.
Auch auf Instagram erzählst du immer wieder Geschichten. Und wenn man durch deine Beiträge schaut, sieht man öfters den Hashtag #gottinallendingenfinden. Was steckt da dahinter?
Der Hashtag bezieht sich auf Ignatius von Loyola. Ich bin sehr von seiner Spiritualität und von ignatianischen Exerzitien geprägt. Exerzitien, oder übersetzt würde man „Geistliche Übungen“ sagen, versuchen das eigene Empfinden und Wahrnehmen im Hinblick auf biblische Erzählungen und das eigene Leben zu schärfen. Die Idee dabei ist, über dieses Spüren eine gewisse Sensibilität für mich und die Umgebung zu bekommen. Diese geistliche Grundhaltung, die ich hier natürlich nur ganz verkürzt darstellen kann, hat dann etwas mit dieser Alltagsspiritualität zu tun. Ich kann Gott in allen Dingen, also auch meinem alltäglichen Umfeld finden.
Also ein lebensnaher und vielseitiger Zugang zu Glaube und Spiritualität.
Ja, auf jeden Fall. Ich finde das bekannte Zitat von Alfred Delp, das er im Gefängnis während der NS Zeit schrieb, wahnsinnig inspirierend: „Aus allen Poren der Dinge quillt Gott uns gleichsam entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen.“ Selbst in äußerster Bedrängnis und Not hat Delp damals wahrgenommen, dass Gott ihm in allen Dingen entgegenkommt. Er verfiel selbst in dieser ausweglosen Situation nicht in Depression. Das empfinde ich als ein hohes Ideal, aus dem man eine Grundhaltung schaffen kann. Man kann immer wieder neu diesen Blick schaffen, dass Gott überall findbar ist, dass er mir überall entgegenkommt. Das bedeutet auch, dass ich mich nicht mehr anstrengen muss oder etwas Besonderes machen muss, um ihn zu finden.
Kommt da auch manchmal der Vorwurf, dass diese Haltung zu banal ist?
Das habe ich jetzt so nie direkt gehört, aber ich kann es natürlich verstehen, dass jemand sagt, dass man mehr Unterfütterung braucht. Und trotzdem, glaube ich, ist es wichtig, immer wieder an diesen Punkt zurückzugehen und zu sagen: „Ja, es kann auch ganz einfach sein“. Ich meine, in unserem Zentrum des Glaubens steht, dass Gott sich in einem Bissen Brot und in dem Schluck Wein zeigt. Also kann ich dann sagen, dass Gott im Einfachsten und im Kleinsten mir entgegenkommt, das ist quasi in unserer christlichen DNA angelegt.
Gibt es für dich im Alltag Rituale, um Gott zu begegnen?
Das ist ganz klar: Im Gebet, welches aber auch auf unterschiedliche Weise gestaltet sein kann. Ich merke, dass mir der Tagesabschluss sehr wichtig ist. Ich nehme mir abends nochmals Zeit, um mich auszurichten und zu schauen, was war. Und dabei ist ganz wesentlich: Ich ziehe heraus, was an diesem Tag gut war. Das Problem ist nämlich, dass wir uns über 1000 Dinge jeden Tag aufregen. Wir legen den Fokus oftmals darauf, was nicht so gut klappt. Mein früherer geistlicher Begleiter hat zu dieser Thematik immer wieder den schönen Satz gesagt: „Stellen Sie sich vor, Ihnen ist heute was Gutes widerfahren und Sie haben es gar nicht gemerkt.“ Diesen Satz behalte ich im Hinterkopf. Und wenn man dann zum Tagesabschluss den Fokus auf das Positive legt, dann kann man auch nochmal danke sagen, dafür, was gut war.
In diesem Kontext schreibe ich seit vielen Jahren am Abend das auf, was Positives war – auch wenn es nur ein Satz ist. Am Ende vom Jahr schau ich mir das Ganze dann an und das ist dann total schön, weil das sehr geballt so viele Situationen aufscheinen lässt.
Beim Inhalt unseres bisherigen Gesprächs, könnte man den Eindruck gewinnen, dass du viel alleine in deinem Kämmerlein sitzt und dort deinen Glauben lebst. Dem ist ja aber nicht so.
Besonders als Seelsorger der KHG Tübingen habe ich sehr viel Kontakt zu jungen Menschen und bin viel im Austausch. Ich bin überzeugt, dass wir einerseits den persönlichen Glauben, den wir im Alltag leben, aber andererseits auch den gemeinschaftlich gelebten Glauben brauchen. Und es ist meiner Meinung nach auch völlig logisch, dass wir beides brauchen, denn beides ergänzt sich. Wenn ich nur für mich alleine glaube, ich also keine Gemeinschaft habe, dann bin ich alleine das Maß aller Dinge. Dann sage nur ich, was richtig und was falsch ist und habe kein Korrektiv. Wenn ich aber andererseits ausschließlich die Gemeinschaft habe, bin ich völlig fremdbestimmt, gehe darin auf und bin kein Individuum mehr. Ich habe dann die Meinung von
außen übernommen, habe mich selbst nie damit wirklich auseinandergesetzt und kann dann keine persönliche Beziehung zu dem Ganzen aufbauen.
Deshalb halte ich es für sehr wichtig, dass bei uns in der Kirche beides ermöglicht wird – dass einerseits Zugänge und Räume geschaffen werden, dass Menschen ihre eigenen Wege gehen und finden können, aber dass man genauso gemeinschaftlich in unterschiedlicher Weise unterwegs sein kann.
Hast du Gemeinschaften erlebt, die für dich besonders prägend waren?
Da gibt es verschiedenste, besonders aber beispielsweise meine Gruppe, mit der ich gemeinsam über zwei Jahre die Exerzitienausbildung gemacht habe. Das sind Leute aus dem ganzen deutschsprachigen Raum, ganz verschiedene Leute mit unterschiedlichsten Settings und Berufen. Das war eine intensive Zeit mit Stille, Selbstreflexion, Auseinandersetzung, Gespräch und Gebet. Jetzt treffen wir uns einmal im Jahr für ein Wochenende und trotz aller Unterschiedlichkeit, schon beim ersten Abendgebet sind wir wieder alle aufeinander eingespielt oder eingetaktet. Und das schätze ich total. Und zudem hat mich als Jugendlicher sicherlich die Zeit bei der Landjugend stark geprägt. Auch hier war die eigene Persönlichkeitsentwicklung und die Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen sehr prägend, auch im Bereich des Glaubens und letztlich dann für meinen weiteren Lebensweg.
Kam es so auch zu dem Hashtag #gottinallenmenschenfinden?
Der Hashtag hat irgendwann bei einem Post einfach gut gepasst. In dem Beitrag ging es um Glaube und Begegnung. Ich wollte zeigen, hier begegne ich Gott genauso.
Zum Abschluss: Unser Magazin erscheint diesmal wieder zu Pfingsten. Was findest du an Pfingsten besonders spannend?
Oft wird Pfingsten als Geburtstag der Gemeinschaft der Kirche bezeichnet. Man kann das sicherlich so sehen. Die Frage ist aber, meiner Meinung nach, was da Gemeinschaft gestiftet hat oder wie diese Gemeinschaft gestiftet wurde. Am Vorabend zu Pfingsten ist die 1. Lesung der Turmbau zu Babel. Diese Lesung ist ein Gegenstück zu Pfingsten, weil nämlich dabei alle Stimmen verwirrt wurden, an Pfingsten wird dann alles vereint. Aber an diesem Punkt darf man meines Erachtens noch nicht stehen bleiben – das wäre zu einfach. Es wird ja nicht einfach der Urzustand wiederhergestellt – es sprechen am Ende nicht alle eine Sprache. Am Pfingstereignis ist wichtig, dass alle unterschiedlichen Menschen die Botschaft in ihren eigenen
Sprachen hören, dass also die Stimmen in diese Vielfalt und diese Verschiedenheit reinsprechen.
Es gibt somit ein gemeinschaftsstiftendes Element, welches irgendwie alle anspricht, aber trotzdem werden sie nicht vereinnahmt und müssen nicht auf einmal völlig anders sprechen. Es wird in ihre Welt hineingesprochen.
Und was heißt das für uns heute?
Das Ziel wäre, dass wir schaffen, in die Sehnsucht der Menschen zu sprechen. Und das ist schwieriger geworden. Ich glaube auch nicht, dass diese Stimme immer einheitlich sein muss. Also schon einheitlich in dem Sinne, dass sie natürlich immer die gleiche Grundlage im Vordergrund hat. Aber Menschen fühlen sich sehr unterschiedlich angesprochen. Das ist etwas, was viele Leute nicht aushalten können. Oft wird suggeriert, dass nur das eine richtig sein kann. Pfingsten ist ein tolles Bild dafür, dass wir Menschen von Gott inspiriert werden, in welcher Weise auch immer. Und dass es nicht immer nur den einen Weg gibt, sondern ganz viele Wege.
Lieber Wolfgang, danke für das inspirierende Gespräch.


