Aufbruch-Gedanken zum Vermächtnis von Papst Franziskus

Papst Franziskus ist gestorben. In diesen Tagen verbindet die Trauer die katholischen Gläubigen auf der ganzen Welt. Doch sind die Unterschiede, wie die Gläubigen in den jeweiligen Ländern ihren Glauben leben, beträchtlich, ebenso der Blick auf die Kirche und auf den Papst. In Deutschland, wie in Westeuropa insgesamt blickt man gemischt auf sein Pontifikat.

Von Michael Steibli

Vieles angestoßen, sich den Menschen zugewandt

Es wird gesagt: ja, er hat vieles angestoßen, sich den Menschen zugewandt und durch seine bisweilen unkonventionelle Art verkrustete Strukturen zumindest angebrochen. Aber, so der Einwand, auf der anderen Seite hat er an althergebrachten Grundsätzen festgehalten und ist als Reformer gescheitert. Keine Bewegung in der Frage des Weiheamts für Frauen. Dem synodalen Weg in Deutschland hat er eine Absage erteilt, man brauche keine zweite evangelische Kirche. Nicht einmal den Vorschlag der Amazonassynode im Jahr 2019, bestimmte, verheiratete Männer zum Priesteramt zuzulassen, hat er angenommen.
Gerade in letzterem zeigt sich aber das große Missverständnis und offenbart, zusammen mit anderem, die Chance, den Weg weiterzugehen, den Franziskus eröffnet hat. Wovon ist die Rede?

Die Reformbewegungen hatten es schwer

Die Reformbewegungen in Deutschland, z.B. „Maria 2.0“ oder „Konzil von unten“ konnten bei Franziskus kein offenes Ohr finden, denn sie sind zu sehr vom Willen und Wollen der Aktivistinnen und Aktivisten dominiert und bekennen sich zu wenig zu Jesus Christus. Die Ansicht, Jesus würde ja wohl auch wollen, was ich will, war für Franziskus kein gültiges Argument. So hat er den Vorschlag der Amazonassynode zur Weihe verheirateter Männer nicht etwa deshalb abgelehnt, weil er mit dem Inhalt nicht einverstanden gewesen wäre, ganz im Gegenteil. Er hat ihn abgelehnt, weil ihm „die Unterscheidung der Geister“ gefehlt hat. Die „Unterscheidung der Geister“ bezieht sich auf die Fähigkeit, zwischen göttlichen und nicht-göttlichen Einflüssen zu unterscheiden, besonders in Bezug auf Gedanken, Gefühle und Vorstellungen.
Geliebte, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgezogen. Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesus Christus bekennt als im Fleisch gekommen, ist aus Gott und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott.  Wir aber sind aus Gott. Wer Gott erkennt, hört auf uns; wer nicht aus Gott ist, hört nicht auf uns. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums. (1 Joh. 4, 1-3,6)

Die Erzkonservativen haben sehr vielen Glaubenden die Hoffnung darauf genommen

Tatsächlich haben die Reformbewegungen vielen, die ihren Glauben konservativ leben wollen, ihre spirituelle Heimat genommen. Ebenso, vielleicht sogar in einem noch größeren Ausmaß, haben die Erzkonservativen, die sich hinter ihren dogmatischen Mauern verschanzen und sich jedem ernsthaften Reform-Gedanken verweigern, sehr vielen Glaubenden die Hoffnung darauf genommen, dass die Hindernisse, die zwischen ihrem Leben und der Kirche stehen, allem voran die Diskriminierung von Frauen, endlich beseitigt werden. Beide Seiten sehen sich darin befugt, ihre Ansichten allen anderen als verbindlich vorzuschreiben. Sie berufen sich dabei auf Jesus, sehen aber nicht, dass sie den Herrn nur vor ihren Karren spannen wollen. Was allen, der Reformbewegung wie den Reformverweigerern fehlt, ist die Unterscheidung der Geister.

Durch Weltsynode eine Möglichkeit eröffnet

Doch gerade darin hat Franziskus einen Ausweg aufgezeigt. Durch die wichtige Geste, auf eine eigene Stellungnahme zum Ergebnis der Weltsynode zu verzichten, hat Franziskus eine Möglichkeit eröffnet, wie die katholische Kirche Vielfalt in der Einheit leben kann. Eine Kirche, in der diejenigen, die ihren Glauben ultrakonservativ leben möchten, genauso ihren Platz haben, wie diejenigen, die mit „Vater“ im Vaterunser ihre Probleme haben und alle dazwischen. In der der Papst für die Einheit steht und in den Ortskirchen (Diözesen) Vielfalt gelebt werden kann. Wenn in Osteuropa und in Afrika die Frauenordination mit den dortigen sozialen Strukturen kollidiert, in Westeuropa jedoch umgekehrt die Nicht-Ordination von Frauen mit der bestehenden gesellschaftlichen Struktur unvereinbar ist, dann mag es in einzelnen Diözesen Frauenordination geben, in anderen nicht.

Lasst uns gemeinsam beten um die Unterscheidung der Geister

Ein weiteres ist wichtig: Franziskus hat durch die radikale Hinwendung zum Menschen gezeigt, dass es nicht eine Wahrheit für alle gibt, sondern die Wahrheit im Menschen auf einzigartige Weise lebendig ist.  Nur wer das Dogma mehr liebt als die Menschen, kann Franziskus als widersprüchlich empfinden, wenn er z.B. einerseits Geschlechtsanpassung und Homo-Ehe ablehnt, andererseits transsexuellen Prostituierten in Rom Geld und Zuspruch gibt.
Darin liegt ein mächtiges Vermächtnis unseres verstorbenen Papstes. Es liegt jetzt an uns, diesen Weg zu gehen und den Gedanken der Vielfalt in der Einheit zum Leben zu erwecken und den eigenen Platz in der Kirche zu suchen, ohne anderen ihren Platz zu nehmen.

Lasst uns gemeinsam beten um die Unterscheidung der Geister. Die Unterscheidung der Geister ist ein Prozess, herauszuhören, was von Gott kommt und was nicht, um im eigenen Leben und in der Gemeinde für das Gute zu wirken.

Ein Gedanke zu „Aufbruch-Gedanken zum Vermächtnis von Papst Franziskus

  1. Lieber Michael,
    dein Artikel regt mich zum Nachdenken an. Zähle ich mich doch eher zu den Reformwilligen Christ:innen. 🙂 Und doch ist es so wichtig, niemandem die Glaubens-Heimat zu nehmen. Einheit in Vielfalt ist die Herausforderung und wird sie bleiben. Letztendlich werden wir nie genau wissen, was Wahrheit ist. Diesen Satz in deinem Artikel finde ich sehr ansprechend: „Franziskus hat durch die radikale Hinwendung zum Menschen gezeigt, dass es nicht eine Wahrheit für alle gibt, sondern die Wahrheit im Menschen auf einzigartige Weise lebendig ist. “ Und daran möchte ich mein Handeln messen: Handle ich so, dass es dem Menschen dient oder verhindert mein Handeln wachsen und leuchten beim Mitmenschen.

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