Die traditionelle Neujahrsansprache richtet sich an Diplomaten im Vatikanstaat. Natürlich gilt die Botschaft auch für die ganze Welt.
Dabei schaut der Papst zurück auf das vergangene jahr, erwähnt den Tod seines Vorgängers Franziskus, spricht vom Heiligen Jahr und dem Schließen der Pforte. Sodann dankt er dem diplomatischen Korps und dankt besonders „den Römern“, die „mit großer Geduld und Gastfreundschaft die zahlreichen Pilger und Touristen in Empfang genommen haben“.
Von Rainer Degen
Ausgangspunkt: Augustinus und der Gottesstaat
Dann macht er einen Zeitsprung zurück zu Augustinus. Er erläutert, dass Augustinus unter dem Eindruck der tragischen Ereignisse der Plünderung Roms im Jahr 410 n. Chr. eines der bedeutendsten Werke seines theologischen, philosophischen und literarischen Schaffens schrieb: De Civitate Dei, Vom Gottesstaat.
Augustinus fokussiert sein Werk im Spannungsfeld zwischen der irdischen und der göttlichen Stadt und betont die Verantwortung jedes Menschen, durch ethisches Handeln zur Geschichte beizutragen. So sagt der Papst: „Augustinus interpretiert die Ereignisse und die geschichtliche Wirklichkeit nach dem Modell der zwei Städte: der Stadt Gottes, die ewig ist und sich durch die bedingungslose Liebe zu Gott (amor Dei) auszeichnet, mit der die Nächstenliebe, insbesondere gegenüber den Armen, verbunden ist; und der irdischen Stadt, die ein vorübergehender Aufenthaltsort ist, an dem die Menschen bis zu ihrem Tod leben“. Und weiter: „De Civitate Dei enthält kein politisches Programm, bietet aber wertvolle Überlegungen zu grundlegenden Fragen des gesellschaftlichen und politischen Lebens, wie beispielsweise die Suche nach einem gerechteren und friedlicheren Zusammenleben der Völker“. Und darum geht es ihm in seiner Ansprache.

Multilateralismus und humanitäres Völkerrecht
Im Folgenden schildert der Papst seine Sorge hinsichtlich des Niedergangs des Multilateralismus. Damit meint er, dass eine „Diplomatie, die den Dialog fördert und den Konsens aller sucht, wird durch eine Diplomatie der Stärke, durch einzelne Staaten oder Gruppen von Verbündeten ersetzt“. Krieg ist wieder in Mode gekommen sagt er. Dies stellt eine große Gefahr in der Rechtsstaatlichkeit dar, die die Grundlage für jedes friedliche gesellschaftliche Zusammenleben bildet.
Gleich im Anschluss weist er auf die Bedeutung des humanitären Völkerrechts hin, dessen „Einhaltung nicht von militärischen und strategischen Umständen oder Interessen abhängig sein darf“. So verurteilt er die Zerstörung von Krankenhäusern, Energieinfrastruktur, Wohnhäusern und Orten, die für das tägliche Leben unerlässlich sind. Er sieht das schwere als Missachtung gegen das humanitäre Völkerrecht. Menschenwürde und die Heiligkeit des Lebens stehen über jedem nationalen Interesse.
Eingeschränkte Meinungsfreiheit: eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack
Der Papst verteidigt Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit und warnt vor deren Einschränkung, insbesondere gegenüber Christen weltweit. So sagt er: „Es ist daher bedauerlich festzustellen, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist“. Der Papst und obwohl Amerikaner ist bekanntermaßen bei Leibe kein Trumpist. Da dürften sich einige Würdenträger und Funktionäre in Deutschland – so ist zu hoffen – angesprochen fühlen und zum Nachdenken bringen. Es sei daran erinnert, dass die katholische Kirche hier in Deutschland beispielsweise Menschen lediglich aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit von Ämtern ausgeschlossen hat, als Gruppe wohlgemerkt. Aber einen einzelnen Menschen pauschal wegen seiner Gruppenzugehörigkeit auszugrenzen dürfte wohl nicht dem Menschenbild von Christen entsprechen.
380 Millionen verfolgte Christen weltweit
Besonderen Fokus lenkt er sodann auf die verfolgten Christen weltweit. Er nennt die hohe Zahl von 380 Millionen. Er sagt: „Dieses Phänomen betrifft etwa jeden siebten Christen weltweit und hat sich 2025 aufgrund der anhaltenden Konflikte, der autoritären Regime und des religiösen Extremismus verschärft“. Sie seien „aufgrund ihres Glaubens in erheblichem oder extremem Maße Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt“. In den Fürbitten in den Gottesdiensten der vergangenen Monate lag der Fokus meist auf den Krisen mit großer Medienaufmerksamkeit wie Gaza und die Ukraine. Das ist natürlich richtig. Der Papst erinnert hier aber auch daran, die eigenen Glaubensbrüder nicht aus dem Auge zu verlieren.
Über die Würde des Menschenbilds
„Der Heilige Stuhl vertritt im Rahmen seiner internationalen Beziehungen und Aktivitäten beständig die Position, dass die Würde jedes Menschen unveräußerlich ist“ betont der Papst hier. Hier erwähnt er die Migranten und Gefangenen, sieht eine zunehmende und schmerzhafte Wirklichkeit fragiler, zerrütteter und leidender Familien, die unter inneren Schwierigkeiten und besorgniserregenden Phänomenen leiden, einschließlich häuslicher Gewalt. Er wendet sich an die Kranken und besonders an das ungeborenen Leben. Er widersetzt sich der Abtreibung und der Euthanasie. Ebenso kritisiert er das Phänomen der Leihmutterschaft, „indem sie deren Leib und den Prozess der Fortpflanzung instrumentalisiert und das ursprüngliche Beziehungsgefüge der Familie entstellt“.
Friede ein schwer zu erreichendes, aber dennoch mögliches Gut
Hier schildert er seine große Besorgnis angesichts der aktuellen Krisen. Er nennt die Ukraine, das heilige Land, die Verschärfung der Spannungen in der Karibik, die Region der Großen Seen in Afrika, dem Südsudan, die zunehmenden Spannungen in Ostasien. „Auf vielen dieser Schauplätze stellen wir fest, wie auch Augustinus bemerkt, dass stets die Vorstellung im Mittelpunkt steht, dass Friede nur durch Gewalt und Abschreckung möglich ist. Der Krieg begnügt sich jedoch mit der Zerstörung, während der Friede eine kontinuierliche und geduldige Aufbauarbeit und ständige Wachsamkeit erfordert“. Trotzdem vertritt er die Überzeugung, dass „trotz des dramatischen Bildes, das sich unseren Augen bietet, bleibt der Friede ein schwer zu erreichendes, aber dennoch mögliches Gut“. Und weiter: „Während unserer Pilgerschaft auf dieser Erde erfordert Frieden zu stiften Demut und Mut: die Demut der Wahrheit und den Mut der Vergebung“.
Der Papst hinterlässt mit dieser Ansprache einen deutlichen Eindruck. Stark in der Analyse, klar in der Ansprache und Forderung. Es macht Freude, diesem Papst zuzuhören.
Papst Leo könnte etwas sehr Fundamentales für ein psychologisches Fundament des Friedens tun: in aller Klarheit aussprechen, dass die Prügelstrafe in der Kindererziehung auch aus christlicher Sicht nicht akzeptabel ist (Papst Franziskus hat das ja leider in Frage gestellt). Der Friedensforscher Franz Jedlicka hat dazu einen öffentlichen Brief dazu auf verschiedenen Plattformen gepostet.
LG Christiane