„And did it my way, yes, it was my way. – Und ich habe es auf meine Weise getan, ja, es war mein Weg.“ So das Fazit, das Frank Sinatra in seinem Song „My Way“ im Rückblick auf sein Leben zieht. Dabei bedient sich der amerikanische Showstar eines häufig verwendeten Bildes.
Von Thomas Münch
Der „Weg“ – er ist verbunden mit Aufbruch, Bewegung, Dynamik, dem Unterwegssein und damit einhergehend den unterschiedlichsten Gefühlen wie Trauer, Freude, Angst. Im Alltag begegnen uns unzählige Redewendungen,die das Weg-Motiv aufgreifen: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!“; „Krumme Wege gehen“; „Keinen Ausweg mehr wissen“; „Etwas aus dem Weg räumen“; „Jemandem Steine in den Weg legen“; „Am Scheideweg stehen“; „Seinen eigenen Weg gehen“; „Jemandem nicht über den Weg trauen“ …
Uraltes Symbol für den Lebensprozess
Der Weg steht als uraltes Symbol für den Lebensprozess. Einerseits als Lebensweg: Wer „seinen Weg macht“, bewältigt erfolgreich sein Leben. Andererseits als innerer Entwicklungsprozess: Wer „sich auf den Weg begibt“, strebt den Prozess der Selbstverwirklichung an mit dem Ziel, die individuelle Persönlichkeit zu entwickeln. Auf dem Weg durch das Leben sind wir analog zum Beschreiten eines gelegentlich steinigen, gefahrvollen, seltener angenehmen, bequemen Weges Gefahren ausgesetzt; wir müssen Hindernisse überwinden, erleben Irr- und Umwege, geraten in Sackgassen, in die Nähe von Abgründen, entdecken Neues, empfinden unser Leben als ein Labyrinth der Irrungen und Wirrungen, bis wir unser Ziel und unsere Mitte erreicht haben. Oft gelangen wir an eine Weggabelung, auf einen Scheideweg, wo Entscheidungen gefällt werden müssen. Geradeaus verlaufen die wenigsten Wege, oftmals sind sie verschlungen, kurvig, ohne sichtbares Ziel am Ende einer Biegung.
Der alttestamentliche Gott ist ein mitgehender Gott
Je größer die existenzielle Bedeutung eines Symbols, desto naheliegender seine religiöse Dimension. Und so begegnet uns häufig das Wort „Weg“ in der Bibel. Der alttestamentliche Gott ist ein mitgehender Gott (Gen 12,1–3), er zeigt den Weg (Ps 25 und 34). Israel versteht sich als wanderndes und geführtes Volk: von Abrahams Aufbruch über den Exodus aus Ägypten unter Mose und den Einzug ins „gelobte Land“. Im babylonischen Exil richten die Propheten Israels Hoffnung auf Jahwe, der den Weg in die Heimat frei macht wie einst beim Exodus.
Im Neuen Testament wird Jesus Christus zum alleinigen Weg und Heilsweg: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 4,6). Will heißen: „Dein Lebensprozess wird im Glauben an mich zur Erfüllung werden.“ Weitere eindrückliche Weg-Geschichten finden sich beim Evangelisten Lukas: Der Weg von Sohn und Vater (Kap. 15) und die Wanderung der Jünger nach Emmaus. Gerade diese Geschichte zeichnet wunderbar das Geschehen in der Eucharistie nach: Gemeinschaft mit dem Auferstandenen, Deutung von Schrift und Erlebnissen, abschließendes Mahl mit Brotbrechen.
Tradition des Pilgerns
In der christlichen, ja religiösen Geschichte überhaupt hat die ganzheitliche Erfahrung des Lebens- und Glaubenswegs ihren Platz in der Tradition des Pilgerns, einem sichtbaren Ausdruck des „wandernden Gottesvolkes“. In diesem Sinne sieht sich auch die Kirche auf Pilgerschaft, wie es das II. Vatikanische Konzil in der Konstitution Lumen gentium (Nr. 8) beschreibt: „Die Kirche ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung. Die Kirche ‚schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin‘ und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. 1 Kor 11,26).“

Das Labyrinth: Symbol an zahllosen christlichen Kirchen
Das dichteste Sinnbild für die symbolische Bedeutung des Weges findet sich bereits in der griechischen Mythologie: Das von Dädalus auf Kreta errichtete Labyrinth, aus dem es niemandem gelang zu entkommen außer Theseus, dank der Hilfe von Ariadne, die ihm einen Faden zur Orientierung und zum Auffinden des Ausgangs gab. Nicht von ungefähr findet sich dieses Symbol an zahllosen christlichen Kirchen wie an der Kathedrale von Chartres oder am Dom zu Lucca, stellt es doch symbolisch das Leben des Menschen als einen verschlungenen, komplizierten und oft schwierigen Weg dar, der jedoch dank des Glaubens und der geistigen Führung überwunden werden kann. Theseus, der Protagonist, dem es gelingt, aus dem Labyrinth zu entkommen, wird zur Metapher für den Gläubigen, dem es mithilfe des Glaubens (dargestellt durch Ariadnes Faden) gelingt, die Schwierigkeiten des irdischen Lebens zu überwinden und das Heil zu erlangen.
Insbesondere im Mittelalter war das Labyrinth als religiöses Symbol oft mit der Metapher der spirituellen Reise der Gläubigen verbunden. Das Labyrinth stellte nicht nur den verschlungenen Weg des Lebens dar, sondern auch den Weg der Läuterung, den jede Seele beschreiten musste, um das Heil zu erlangen. Die Pilger wurden ermutigt, das Labyrinth so zu durchschreiten, als ob sie sich auf dem Weg zu Gott befänden, wobei sie die Schwierigkeiten und Hindernisse, die das Leben bietet, überwinden mussten, jedoch in der Hoffnung, schließlich den ewigen Frieden zu finden.
Irrungen und Wirrungen, Auf und Ab, scheinbar am Ziel und doch wieder weit weg – dies lässt sich auch anschaulich nachempfinden auf dem Vorplatz der Christkönigskirche in Kirchentellinsfurt, wenn man das mit den anders farbigen Pflastersteinen abgebildete Labyrinth abschreitet.