Heute: „Mach(t) was draus!“ von Claudia Leide
Auszug aus Brief 6
„Mach was draus!“ Vielleicht kennt ihr die
Fernsehsendung mit diesem Slogan. Darin
werden gebrauchte Gegenstände in einem
kreativen Upcycling-Wettbewerb in einzigartige
Designerstücke verwandelt. Und es
werden dabei richtig originelle Ideen geboren,
die zuvor oft nicht vorstellbar gewesen
wären. Eben: Mach was draus! Der Titel kam
mir in den Sinn beim Gedankensammeln zum
Thema dieses Briefes: Wie schmeckt das Leben?
Wenn es lauter leckere Zutaten sind, die
mein Leben gerade ausmachen, dann ist es
ein Leichtes, etwas Wohlschmeckendes daraus
zu machen.
Doch was ist, wenn uns schwer verdauliche
Zutaten auf den Lebensweg geworfen werden?
Das Leben ist so gar nicht zimperlich:
noch immer Corona und die Folgen, der Krieg
in der Ukraine, Flüchtlinge, Energiechaos, Umweltkrise,
explodierende Kosten allerorten, …
Wer hat schon Lust auf diese Bitterkräuter?
Was soll man daraus nur machen? Keine:Keiner
von uns hat sie ausgesucht und sie entsprechen
wohl auch kaum dem persönlichen
Wunschgeschmack.
Und mittendrin das eigene Leben, die Partnerschaft,
unsere Familie. Auch da gibt es
manchmal Bitteres. Mir kommt mein Vater
in den Sinn. Wenn ich als junges Mädchen in
einen Liebesroman versunken war, stellte er
sich manchmal vor mich hin, breitete beide
Arme weit aus und karikierte mit salbungsvoller
Stimme: „Und sie gingen Arm in Arm der
sinkenden Sonne entgegen…“. Das war seine
Art, mir humorvoll zu verstehen zu geben,
dass das ersehnte Happyend wohl kein glück-
seliger Dauerzustand bleiben würde. Nach
(m)einem jugendlichen Augenverdrehen
„Mensch, Papa, du hast doch keine Ahnung“,
mussten wir beide lachen. An diese Situation
denke ich lächelnd-wehmütig, wenn das Leben
mich oder uns als Paar herausfordert:
Mach(t) was draus!
„Mach(t) was draus!“ Das hat etwas Schnörkelloses,
Nüchternes an sich. Es passt in die
Fastenzeit. Eine direkte Aufforderung ohne
viel Federlesen: „Stellt euch dem Leben, tut
was, handelt!“ Das setzt irgendwie so selbstverständlich
auch die Power dazu voraus:
„Geht dran, ihr schafft das, los geht‘s!“
Beim Schreiben merke ich: Mir fehlt hier ein
Zwischenschritt. Dieser Gedankengang geht
mir zu schnell, ist zu leicht dahergesagt.
So ein Appell kann überfordern. Ein Wort
von Erich Fried fällt mir ein: „Es ist, was es
ist, sagt die Liebe.“ Diese Aussage schreibe
ich gerne zweimal: „Es ist, was es ist, sagt
die Liebe.“ Ich höre darin eine Einladung,
innezuhalten, nicht vorschnell zu bewerten,
sondern hinzuschauen und die Zutaten des
Lebens ohne Abwehr wahrzunehmen. Kein
vorschnelles „Das schmeckt mir nicht!“ oder
gar „Das schmeckt ja zum …!“ und weg damit
in den Abfalleimer. Das ist gerade bei bitteren
Lebenszutaten eine Entscheidung über
jedes Gefühl hinaus.
Innehalten, Schmecken im Hier und Jetzt.
Wozu soll das denn gut sein? Vielleicht, weil
sich der Geschmackssinn für das Leben, so
wie es ist, erst im Verkosten entfaltet? Ich
merke, dass es wichtig ist, eine Situation zuerst
anzunehmen, bevor ich auf sie reagiere.
Was für eine Herausforderung! Meine Erfahrung
ist: Nur so kann ich schrittweise und tiefer
verstehen, was wirklich ist und worum es
jetzt für mich und uns gehen kann.
Erst dadurch kommen in allen Grenzen auch
die Gestaltungsspielräume in unserem Leben
klarer in den Blick: Was ist jetzt konkret möglich
und was ist an der Reihe? Das geht wohl
nur, wenn die Liebe das erste Worte hat: Unser
Ja zu uns und unserem Leben, so, wie es
ist. Diese Perspektive macht das Leben nicht
einfacher und doch verändert sie den eigenen
Blick entscheidend.
„Es ist, was es ist, sagt die Liebe!“ Auf diesem
Boden klingt „Mach(t) was draus!“ nach
einer kraftvollen Zusage. Das lockt mich, es
macht mich zuversichtlich, die Zutaten meines
Lebens in kreativer Eigenregie auch gestalten
zu können. Ich bin – wir sind – nicht
einfach ausgeliefert. Wir können aus unseren
Lebenszutaten unsere eigene, originelle Geschmackskomposition
kreieren. Etwas, was
zunächst angesichts der äußeren Umstände
nicht vorstellbar ist: Unser Leben – unser Designerstück.
Und das gilt auch für uns als Paar.
So könnte das Leben schmecken – trotz allem.
Herzliche Grüße
Claudia Leide
Den ganzen Brief Nr. 6 unter dem folgendem Link: hier