Die neue Normalität?

 

Seit über einem Jahr leben wir im Zeichen des Corona-Virus. Zweimal Ostern, ein Weihnachtsfest, eine Sommerzeit, die eine oder andere Urlaubsreise – nichts fand so statt wie üblich, wenn überhaupt.

Gewöhnt haben wir uns zwangsläufig an Abstand, Alltagsmasken, allabendliche Meldungen über Inzidenzwerte, Sterbefälle, belegte Betten in Intensivstationen. Die einzige Abwechslung bietet die politische Auseinandersetzung über Kontaktbeschränkungen, Lockdown-Maßnahmen, nächtliche Ausgangssperren.

Als uns vor einem Jahr das Virus heimsuchte, sahen wir uns durch den ersten „Lockdown“ mit einer völlig ungewohnten und unbekannten Situation konfrontiert. Und es war spannend zu beobachten, wie allerorts mit Kreativität und Phantasie Alternativen entwickelt wurden, die soziale Dimension menschlichen Lebens zum Ausdruck zu bringen: 18 Uhr-Singen, Kerzen im Fenster, Videoclips, Online-Meetings – die Ideen schienen unbegrenzt, mitunter schien es sogar Spaß zu machen, Gemeinschaft auf ungewohnter Weise zu erleben.

Ein Jahr später hat sich manches versachlicht. Wir lernten und lernen immer noch, mit dem Virus zu leben. Vieles ist inzwischen ein Stück Normalität geworden: Der Griff in die Jackentasche zur FFP2-Maske; die Betätigung der Desinfektionsspender; die Beschränkung von Kontakten auf Telefon- oder Videoanrufe; der Rückzug in die eigenen vier Wände, Gottesdienste mit Abstand und Maske – ohne Gesang, Freizeit und kulturelle Veranstaltungen sind tabu, Geisterspiele im Profifußball die Regel. Das kreative Moment scheint inzwischen weitgehend verloren gegangen zu sein; eine gewisse Müdigkeit und Resignation ist festzustellen. Die lange Zeit der Selbstbeschränkung und -isolation hat ihre Spuren hinterlassen; mitunter kommt es mir vor, als ließe auch die Initiative, mit anderen Kontakte zu pflegen, nach – selbst wenn es erlaubt wäre.

Die neue soziale Verantwortung ist die Distanz zum anderen! So die Botschaft der Virologen. Ein Ende scheint noch in weiter Ferne. Und wenn es doch einmal die Situation erlaubt – sind wir dann in der Lage, die Bequemlichkeit des Zu-Hause-hockens oder mögliche Restängste zu überwinden? Oder wird die Vereinzelung zur neuen “Normalität”? Ich hoffe, dass die Sehnsucht nach dem Miteinander nicht erstickt wird, dass das Glück auch und vor allem in der Gemeinschaft gesucht und gefunden wird. Irgendwann… Irgendwo…

 

Ein Gedanke zu „Die neue Normalität?

  1. Lieber Thomas,
    stimmt, die Anfangseuphorie, was man alles digital oder anderweitig machen könnte, ist verflogen, einiges ist aber einfach „normal“ geworden in der Zeit. Ja, manchmal beobachte ich auch eine gewisse Trägheit, aber eher nach dem Motto „keine Lust auf noch eine Videokonferenz“. So bin ich zuversichtlich, dass wir nach der Öffnung viele Kontakte wiederbeleben und nachholen, was uns seit einem guten Jahr nicht vergönnt ist.
    Daher schaue ich hoffnungsfroh auf die Zukunft und freue mich auf hoffentlich bald viele schöne Begegnungen in und außerhalb unserer Kirchengemeinde!
    Tanja Kury-Rilling

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