Missbrauch: Der Sumpf ist noch lange nicht trocken

Ein Papst, der offensichtlich die Unwahrheit sagt. So eines der Ergebnisse der von der Diözese München-Freising beauftragten Studie zur Untersuchung von Missbräuchen. Gleichzeitig zu diesem Ereignis macht Bischof Fürst in diesen Tagen klare Ansagen zum gleichen Thema in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
Von Rainer Degen

Die Münchner Studie ist nicht die erste zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche. Mittlerweile hat die Mehrzahl der Bistümer Untersuchungen beauftragt. Besondere Aufmerksamkeit bekam die 2018 vorgelegte MHG Studie. Dort fanden die Gutachter in Personalakten von 1946 bis 2014 bundesweit mindestens 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe durch 1.670 Priester und sonstige Klerikale wie etwa Ordensleute. Wir berichteten mehrfach darüber auf dieser Seite. Unter anderem hier: https://christus-koenig.eu/schweigen-oder-aussitzen-hilft-nicht-die-pressekonferenz-der-deutschen-bischoefe-zum-thema-missbrauch/

Als Außenstehender wird man so langsam müde, ob der immer wieder neuen Skandale. Klar ist eins: der Sumpf ist wohl noch lange nicht trocken. Es wird weitere Skandale geben. Der unprofessionelle Umgang der Kirchenführung mit diesem Thema lässt einen ratlos, zweifelnd und frustriert zurück. Die Geduld ist aufgebraucht. Und darüber hinaus: es torpediert die fruchtbaren Arbeiten an der Kirchenbasis.

Nur das zugeben, was nicht mehr zu leugnen ist

Hintergrund des aktuellen Skandals sind die Ergebnisse der Studie der Kanzlei Westpfahl-Spilker-Wastl aus der Diözese München-Freising. Aus dem Gutachten geht u.a. pikanterweise hervor, dass Benedikt als Münchner Erzbischof „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ Missbrauchstäter eingesetzt hat. Dem emeritierten Papst Benedikt XVI. werden in der Studie zu seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising (1977-1982) Verfehlungen in vier Fällen vorgeworfen. Besonderer Aufreger zusätzlich, neben dem die tatsächlichen Missbräuche kurz in den Hintergrund traten, ist dabei ein Papst, der es mit der Wahrheit offensichtlich nicht so genau nimmt.
Aus den Papieren der Studie geht hervor, dass Benedikt XVI. an einem Meeting, in dem es um einen Missbrauchstäter ging, nach eigener Aussage nicht teilgenommen habe. Am Montag nun, also am 24.1., als es nichts mehr zu leugnen gab, hieß es sodann, dass Benedikt nun doch teilgenommen habe. „Objektiv richtig bleibe aber die Aussage, dass in dieser Sitzung über einen seelsorgerlichen Einsatz des betreffenden Priesters nicht entschieden worden sei, betonte der Privatsekretär des früheren Papstes (Anm. der Redaktion: gemeint ist Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein). Vielmehr sei lediglich der Bitte entsprochen worden, diesem während seiner therapeutischen Behandlung in München Unterkunft zu ermöglichen“, so das Sonntagsblatt. Glaubwürdig? Ein Erzbischof, der sich um eine Unterkunft für einen Mitarbeiter kümmert?

Zur Zeit schwer unter Beschuss: Der ehemalige Papst Benedikt XVI.
Zur Zeit schwer unter Beschuss: Der ehemalige Papst Benedikt XVI.

Erzbistum München-Freising: Die Gutachter gehen von mindestens 497 Geschädigten aus

Es ist zwölf Jahre her, seit es im Erzbistum München-Freising bereits eine Studie zum Missbrauch gab. Nur diese Studie wurde nie veröffentlicht. Vor dem Hintergrund der oben erwähnten MHG Studie, die im September 2018 auf der deutschen Bischofskonferenz vorgestellt wurde, erteilte die Erzdiözese München und Freising den Juristen im Februar 2020 den erneuten Auftrag zur Untersuchung. Jetzt ist die neue Studie mit einem Umfang von 1893 (!) Seiten veröffentlicht. Der Untersuchungszeitraum geht von 1945 bis 2019. Allein das Inhaltsverzeichnis umfasst 30 Seiten. Akribisch listen die Juristen einzelne Fälle auf. Und die Ergebnisse sind wieder einmal vernichtend.
Insgesamt fanden die Gutachter 497 untersuchungsrelevante Sachverhalte und „davon 247 männlichen und 182 weiblichen Geschlechts; in 68 Fällen war eine eindeutige Zuordnung nicht möglich. Sowohl bei den männlichen als auch bei den weiblichen Geschädigten war die Altersgruppe der 8- bis 14jährigen mit 59% beziehungsweise 32% deutlich überrepräsentiert“, so die Studie. Und weiter heißt es: „Insgesamt wurden 90 staatliche Ermittlungsverfahren durchgeführt; dies sowohl innerhalb (71) als auch außerhalb (19) des Gebiets der Erzdiözese München und Freising. In 46 Fällen (31 innerhalb / 15 außerhalb) kam es zu einem Strafurteil beziehungsweise Strafbefehl“.

Wer mehr ins Detail gehen möchte, hier der Link zur Studie: hier klicken

Was sagt unsere Diözese?

Auf der Diözesan-Webseite erst mal wenig. Man muss schon bis ans Ende blättern. Dort findet man einen Beitrag von Thomas Steiger. Zur Info: Thomas Steiger ist der neue Senderbeauftragte der Katholischen Kirche am SWR. Er folgt Dr. Peter Kottlorz, der in den Ruhestand geht. Wer nun den Beitrag anklickt, gelangt wieder zur Startseite. Der Link ist wohl nicht richtig gesetzt. Kann passieren.

Umso besser: Bischof Gebhard Fürst macht klare Ansagen

In einem Schreiben vom 21. Januar 2022 wendet sich Bischof Fürst an Haupt- und Ehrenamtliche in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Darin nimmt er Stellung zur aktuellen Studie. Besonders betroffen macht ihn „die Feststellung, dass die Opfer nicht gehört und wahrgenommen wurden.“
Bischof Fürst betont in dem Schreiben, dass er sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit im Jahr 2000 dem Missbrauch angenommen habe. So etablierte er schon im Jahr 2003 die „Kommission sexueller Missbrauch (KsM)“, die stets von einer unabhängigen externen Person der Öffentlichkeit geleitet wird. Derzeit nimmt diese Aufgabe die ehemalige Sozialministerin des Landes Dr. Monika Stolz wahr.

Zusätzlich hat sich im Dezember 2021 eine sogenannte „Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs“ durch kirchliche Beschäftigte in der Diözese RottenburgStuttgart konstituiert. Ihr gehören 7 Mitglieder an, zwei davon sind Betroffene. Wie diese Kommission sich von der KsM unterscheidet bzw. sie ergänzt, ist noch nicht ganz klar. Sobald da mehr Klarheit ist, wird auf dieser Seite darüber berichtet.

„Ich kann und möchte Ihnen versichern, dass in der Diözese Rottenburg-Stuttgart kein uns bekannter Fall vertuscht oder verschleppt wird.“

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart sei übrigens die erste Diözese gewesen, die alle bekannten Fälle zurück bis ins Jahr 1946 aufgearbeitet habe. Auf der Basis einer unabhängigen Vorgehensweise.
Und er lässt keine Zweifel aufkommen, wenn er sagt: „Ich kann und möchte Ihnen versichern, dass in der Diözese Rottenburg-Stuttgart kein uns bekannter Fall vertuscht oder verschleppt wird.“ Verdachtsfälle melde man der Staatsanwaltschaft. Alle Täter seien entsprechend ihrer Taten nach geltendem Recht verurteilt worden. Mit jedem oder jeder Betroffenen führe er auf Wunsch ein persönliches Gespräch.

Diese Klarheit ist Hoffnung und Ermutigung für alle Opfer aber auch für uns als Kirche. Hoffentlich gibt es keine Enttäuschungen.

Ein Gedanke zu „Missbrauch: Der Sumpf ist noch lange nicht trocken

  1. Lieber Herr Degen, ich lese Ihren Newsletter gerne, weil ich hier engagierte Menschen erkenne.
    Sie formulieren die Hoffnung, in Bezug auf die Aufarbeitung im Bistum nicht enttäuscht zu werden. Als Betroffene und Mitglied der Betroffeneninitiative Süddeutschland bin ich weniger optimistisch. Ein Blick auf die Seite eines anderen engagierten Christen könnte lohnen:
    http://www.karlheinz-heiss.de/index-g.htm
    Für die „Aufarbeitung“ werden Menschen am Werk sein, die der Kirche schon lange sehr verbunden sind. Die Akten der Diözese wurden Anfang der 80er Jahre bereinigt. Der Umgang mit Betroffenen ist durchaus nicht so ideal wie gerne vom Bischof geschildert. Die Münchner Gutachter waren klar: Ohne Zeugenaussagen von Betroffenen hätte das Gutachter nicht die Qualität haben können, die es hat. Wir haben starke Zweifel, dass diese Zeugenaussagen überhaupt gesucht werden.
    Soweit vorläufig zur Information.
    Beste Grüße und danke für Ihr Engagement,
    Astrid Mayer

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