Unsere Reihe: Katholische Kirche in der Welt – heute in den USA

In loser Reihenfolge bringen wir unter der Rubrik „Katholische Kirche in der Welt“ etwas Information und Hintergründiges über die Art und Weise wie es bei den katholischen Kirchen in der Welt zugeht.

Die Kirchen in den USA: Spiegelbild der Gesellschaft

von Katharina Degen

Höher, schneller, weiter – das ist das Credo des amerikanischen „Way of life“. Trifft das auch für die Kirche zu, oder ist Kirche immer Kirche? Kirche, wie ich sie kennengelernt habe ich meistens ruhig. Die Kirchen sind ja meist sehr traditionelle Gebäude und die Gemeindemitglieder sind eher älter als jünger – kurz gesagt ist die Kirche in Deutschland in weiten Teilen etwas angestaubt und vielleicht auch zu konservativ und zwar sowohl die katholische, als auch die evangelische. Aber wie ist es in den USA? Ist das Credo der Kirche dort auch höher, schneller, weiter? Man muss sagen: ja!

Die römisch-katholische Kirche die größte einzelne Glaubensgemeinschaft in den USA

Die katholische Kirche in den USA, um mich jetzt nur auf die katholische Kirche zu beziehen, wobei Vieles für beide großen Kirchen zutrifft, ist viel jünger als die in Europa und ist in kurzer Zeit sehr schnell gewachsen, mit vielen Untergruppen, da aufgrund der vielen Zuwanderer jeder seine eigene „Kirche“ mitgebracht hat. Trotzdem ist die römisch-katholische Kirche die größte einzelne Glaubensgemeinschaft in den USA, da unter den Protestanten noch viel mehr Gruppierungen zu verzeichnen sind. In den USA werden regelmäßig Kirchengemeinden neu gegründet, Kirchengebäude gebaut und abgerissen- ohne viel Aufwand und Bürokratie. Aber das sind ja nur die Dinge, die nach außen zu sehen sind. Warum werden so viele Gemeinden gegründet, warum hat die Kirche noch einen Zustrom und warum ist die katholische Kirche noch hip? Bereits in den 60er Jahren war die katholische Kirche in Amerika sehr modern, Geistliche trugen schlichte, schwarze Anzüge und keine großen Roben und waren dadurch bereits früh viel nahbarer für die Gemeindemitglieder.

Business nach dem Gottesdienst ganz normal

Kirche ist hier nicht vom Alltag getrennt, hier wird Business nach dem Gottesdienst und nicht auf dem Golfplatz gemacht. Die Gemeinde versteht sich viel mehr als Familie, regelmäßig laden sich die Gemeindemitglieder gegenseitig zu sich nach Hause ein, um gemeinsam über die Bibel zu sprechen oder über aktuelle Nachrichten. Auch ist es völlig normal nach einem Gottesdienst noch mindestens eine Stunde zusammen zu sitzen und sich auszutauschen. Neue Gesichter werden sehr herzlich – für uns Deutsche manchmal zu herzlich – willkommen geheißen.

Kaum zu glauben - mehrere Gebetsbücher in einem Jahr
Kirchen in den USA - Spiegelbild der Gesellschaft

Gospel hält Einzug in die katholische Kirche

Auch über die Musik macht sich die Kirche hier beliebt. Das mag unter anderem daran liegen, dass in den USA gefühlt mehr gute Sänger leben und vor allem der Gospel sich größter Beliebtheit erfreut und auch in katholischen Gottesdiensten Einzug erhält. Egal wie voll eine Kirche ist, jeder singt hier aus voller Kehle mit und es wird beim Singen auch gerne laut geklatscht und getanzt, auch ohne Gospelchor oder Gospelmusik. Dadurch herrscht in den Kirchen ein viel lebendigerer und fröhlicherer Grundtonus. All das zusammen, dass die Kirche im Alltag der Menschen zuhause stattfindet und zwar so öffentlich, dass es jeder weiß, dass man beim Kennenlernen auch gerne gefragt wird: „Und in welcher Gemeinde bist du?“ Oder: „Willst du nicht mal mit in meine Gemeinde kommen?“ und dass Kinder hier noch vielzählig in eine „Sonntagsschule“ gehen führt dazu, dass Kirche für jeden dazugehört und man eher ein Außenseiter ist, wenn man sich nicht mit dem Thema beschäftigt.

St. Patrick’s Cathedral an der 5th Ave. in New York ist die größte im neugotischen Stil erbaute Kathedrale in den Vereinigten Staaten

Keine starre Angelegenheit sondern gelebter Glaube

Das klingt so simpel, aber es funktioniert eben auch nur, weil die Amerikaner im Gegensatz zu den Deutschen sehr extrovertiert sind, gerne erzählen was sie alles machen und immer alles etwas schöner, größer und besser wirken lassen wollen, als es ist. Das ist bei vielen alltäglichen Dingen überzogen und unnötig und teilweise sogar gänzlich falsch, aber bei der Kirche treffen Sie damit irgendwie ins Schwarze und seit Jahren den richtigen Ton, weil die Kirche hier keine starre Institution ist, sondern gelebter, aktiver Glaube.

Die Autorin:
Katharina Degen, Ärztin, lebt zur Zeit in New York City. Sie war lange Zeit eifrige Ministrantin in Kusterdingen.

3 Gedanken zu „Unsere Reihe: Katholische Kirche in der Welt – heute in den USA

  1. Die Amerikaner sehen die Kirche glaube ich einfach sehr stark in den Alltag integriert. Es ist auch so, dass nach einem einstündigen Gottesdienst noch 1-2 Stunden zusammen gesessen wird und dabei kommt man einfach irgendwann auch auf sehr weltliche Themen (wie Businessthemen z.B.). Andererseits treffen sich die Gemeindemitglieder regelmäßig privat zur Bibeldiskussion oder Ähnlichem- also ohne dass dies von der Kirche organisiert ist, zum gemeinsamen Innehalten. Aber auch für mich ist dieser sehr intensive Kontakt und die sehr offene Art nicht immer angenehm und manchmal zu viel- wenn man jedoch irgendwo neu ist, dann ist das schon gut, wenn man so einfach Anschluss findet. Schön finde ich, dass viele Gemeinden (katholische,evangelische und auch jüdische) nachmittags ihre Türen öffnen und zu kostenlosem Kaffee einladen und so alle Menschen ansprechen- egal ob sie einer Religion angehören oder nicht- und sich als Gemeinde vorstellen. New York
    ist aber auch ein besonderes Beispiel, da Menschen in der Anonymität dieser Millionenstadt sonst kaum
    zur Ruhe kommen und solch offene Angebote schneller angenommen werden- man hetzt durch die Stadt nach hause, sieht die offene
    Kirchentür, ein Schild mit
    der Aufschrift: „Free coffee- come in and enjoy“ und ergreift die Chance hier den Feierabend einzuläuten oder 15Minuten einzuhalten, weil man sonst kaum dazu kommt.

  2. Was ich ein bisschen komisch finde, ist dass nach der Kirche Business gemacht wird…. Sollte man da nicht einfach mal zu Ruhe kommen am Sonntag?

  3. Danke für die Information über die römisch-katholische Kirche in den USA. Diese Info hat uns bisher nicht bekannte Eindrücke und Einblicke über das Leben in der dortigen Kirche gegeben. Danke!
    Herbert und Anni Enzensberger

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