Das andere Lied zu Weihnachten 2018

Gotteslob Nr. 256

Unser „anderes Lied“ zur Weihnachtszeit scheint bekannt und mutet doch fremd an. „Ich steh an deiner Krippe hier“ war schon im bisherigen Gotteslob (Nr. 141) enthalten und findet sich auch im neuen Gotteslob, allerdings mit einer anderen Melodie.

Von Thomas Münch

Der Text des evangelischen Pastors Paul Gerhardt wurde zunächst von Martin Luther mit einem bekannten Lied unterlegt: „Es ist gewisslich an der Zeit“ (Evang. Gesangbuch Nr. 149). Diese Fassung hat Johann Sebastian Bach achzig Jahre später als Choral in sein Weihnachtsoratorium übernommen. Zwei Jahre später, 1736, hat Bach denselben Text noch einmal vertont, und zwar als kleine Arie für das Liederbuch des Zeitzer Hofkantors Georg Christian Schemelli (BWV 469). Mit dieser Melodie wurde das Lied ins neue Gotteslob aufgenommen.
Besonders schön ist der vierstimmige Choralsatz Bachs, in der insbesondere die Bass-Stimme glänzen kann: Die Achtel-Gruppen lassen sich wunderbar als „Walking Bass“, wie aus dem Jazz bekannt, darbieten. Einer anderen Interpretation zufolge muten jeweils die Zweier-Achtel als Seufzer-Paare an – eine Anspielung darauf, dass sich die Erlösung durch Christus erst durch sein Leiden und Tod vollzieht.
Der Text ist bereits aus dem früheren Gotteslob bekannt. Wieder sind die ersten vier Strophen aus dem Gedicht Paul Gerhardts übernommen, das immerhin 15 Strophen umfasst. Der Dreißigjährige Krieg war damals gerade ein paar Jahre lang vorüber, die Verwüstungen noch sichtbar, der Schrecken und die Armut noch spürbar – die dritte Strophe deutet diesen Hintergrund an. Der Herrscher der Welt, der Friedensfürst wird in ärmlichste Verhältnisse hineingeboren – diese Kluft berührte die Menschen damals unmittelbar. Paul Gerhardt malt die Szenerie sprachgewaltig aus und unternimmt gleichzeitig einen Rundgang durch die Heilsgeschichte: mit jedem Bild, das er schildert, verweist er auf die Erlösung, die Christus den Menschen bringt.

Ich-Erzähler  spricht zum Jesuskind

Bemerkenswert: hier an der Krippe spricht keine Christen-Gemeinde, sondern ein einzelner Ich-Erzähler zum Jesuskind. Er schildert seine tiefe emotionale Beziehung zu dem Kind gewordenen Friedensfürsten, die schon vor der eigenen Existenz bestanden hat: er küsst es, bettet es auf Blumen, bietet ihm sein Leben dar. Überwältigt vom Ereignis der Menschwerdung Gottes in diesem Kind wünscht der Betrachter die Tiefe eines Abgrunds und die Weite des Meeres, um das Wunder fassen zu können (4. Strophe).
Eindrucksvoll die Bitte in der – leider nicht abgedruckten – 9. Strophe, eins zu werden mit diesem Kind im Stall zu Bethlehem:
„Eins aber, hoff ich, wirst du mir,
mein Heiland, nicht versagen:
dass ich dich möge für und für
in, bei und an mir tragen.
So lass mich doch dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
dich und all deine Freuden.“

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