Das neue Lied im November 2017

Noch ehe die Sonne am Himmel stand
Gotteslob Seite 434

 

Die Lieder im Gotteslob kennen viele Quellen der Inspiration: Theologie und Frömmigkeit, Kirchenjahr und Gottesdienst, Schöpfung, Erlösung und Vollendung. Eine besonders wichtige „Quelle“, die in allen Epochen sprudelt, sind die Psalmen des Alten Testaments, aus denen sich viele Beispiele im Gotteslob finden.

Von Thomas Münch

Bei unserem Lied ist es Psalm 90 (vgl. GL 50), ein Vertrauensgesang mit so berühmten Sätzen wie „Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist“ oder „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig“. Autor der vier Strophen ist Eugen Eckert (geb. 1954), in Frankfurt wirkender Theologe, Studentenpfarrer und Stadionpfarrer der Commerzbank-Arena. Als Mitglied der 1975 von ihm mitgegründeten NGL-Gruppe „Habakuk“ hat er Hunderte von Liedtexten verfasst.
In diesem Lied geht es darum, die Vergänglichkeit von allem anzunehmen und zugleich einen Rettungsanker auszuwerfen in Richtung der Ewigkeit. Dies gelingt im Gebet, das den Refrain des Liedes bildet: „Du bist Gott, unser Gott, die Zuflucht für und für.“ Im Horizont des ewigen Gottes stehen Leben und Sterben: „Dir leben wir, dir sterben wir“. Die Reise des Lebens ist ein „gehen von dir zu dir“.

Die vierte Strophe setzt mit einer anstößigen Formulierung ein: „Der du deine Kinder sterben lässt, …“ Will Gott denn, dass unschuldige Kinder sterben? Vielleicht hilft der Psalm weiter, wo es in Vers 3 heißt: „Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!“ Dies erinnert an Hiob: „Der Herr hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen …“

Das Lied stellt sich, wie die Psalmen, den größten Spannungen: Zeit und Ewigkeit, Lebenslust und Sterbekunst, Lob und Klage. Die vor dem Text entstandene Melodie stammt von Sergey Andrewitsch Bazuk (1910–1973), einem ukrainischen Chorleiter und Komponisten. Der schreitende Duktus passt gut zu den Worten; zwei markante Akzente unterstützen die Spannung der Worte: Im zweiten Takt steht die sehr ungewöhnliche verminderte Quint e-b, und im drittletzten Takt eine Fermate auf „wir“ – als musikalische Möglichkeit, die Einheit von Lebens- und Sterbekunst etwas länger auszukosten, als der Takt es vorgibt. Dann erst geht es weiter mit der ebenso freudigen wie unerbittlichen Quintessenz: „… wir gehen von dir zu dir“.

Grundlagentexte

1. Strophe

Noch ehe die Sonne am Himmel stand,
die Nacht ein Ende fand,
noch ehe sich ein Berg erhob,
zu scheiden Meer und Land,
bist du Gott, unser Gott,
die Zuflucht für und für.
leben wir, dir sterben wir,
wir gehen von dir zu dir.

2. Strophe

Der du allem Leben den Atem schenkst,
hab mit uns noch Geduld;
wo wir versagen, irre gehen,
vergib uns unsre Schuld.
Du bist Gott, unser Gott, …

3. Strophe

Der du unsre Zeit in den Händen
hältst, sei gnädig, gibt die Kraft,
der Todesnot zu widerstehn,
die Menschenhochmut schafft.
Du bist Gott, unser Gott, …

4. Strophe

Der du deine Kinder sterben lässt,
gib Weisheit, unsere Zeit
in Lob und Klage zu bestehn,
und sei im Tod nicht weit.
Du bist Gott, unser Gott, …

Text: Eugen Eckert 1991
Musik: Sergey Andrewitsch Bazuk

Der ewige Gott – der vergängliche Mensch
Psalm 90

1 Herr, du warst unsere Zuflucht /
von Geschlecht zu Geschlecht.
2 Ehe die Berge geboren wurden, /
die Erde entstand und das Weltall, / bist du, o Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
3 Du lässt die Menschen zurückkehren zum Staub /
und sprichst: «Kommt wieder, ihr Menschen!»
4 Denn tausend Jahre sind für dich /
wie der Tag, der gestern vergangen ist, / wie eine Wache in der Nacht.
5 Von Jahr zu Jahr säst du die Menschen aus; /
sie gleichen dem sprossenden Gras.
6 Am Morgen grünt es und blüht, /
am Abend wird es geschnitten und welkt.
7 Denn wir vergehen durch deinen Zorn, /
werden vernichtet durch deinen Grimm.
8 Du hast unsre Sünden vor dich hingestellt, /
unsere geheime Schuld in das Licht deines Angesichts.
9 Denn all unsre Tage gehn hin unter deinem Zorn, /
wir beenden unsere Jahre wie einen Seufzer.
10 Unser Leben währt siebzig Jahre, /
und wenn es hoch kommt, sind es achtzig.
Das Beste daran ist nur Mühsal und Beschwer, /
rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin.
11 Wer kennt die Gewalt deines Zornes /
und fürchtet sich vor deinem Grimm?
12 Unsre Tage zu zählen, lehre uns! /
Dann gewinnen wir ein weises Herz.
13 Herr, wende dich uns doch endlich zu! /
Hab Mitleid mit deinen Knechten!
14 Sättige uns am Morgen mit deiner Huld! /
Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.
15 Erfreue uns so viele Tage, wie du uns gebeugt hast, /
so viele Jahre, wie wir Unglück erlitten.
16 Zeig deinen Knechten deine Taten /
und ihren Kindern deine erhabene Macht!
17 Es komme über uns die Güte des Herrn, unsres Gottes. /
Lass das Werk unsrer Hände gedeihen, / ja, lass gedeihen das Werk unsrer Hände!

Ein Gedanke zu „Das neue Lied im November 2017

  1. Es ist ohne Frage.ein schönes Lied.Die Gemeinde soll es singen lernen,mit Erläuterungen oder musikalischer Analyse wird dieses Ziel aber verfehlt.Die singende Gemeinde braucht Übung,das heisst sie muss die Möglichkeit haben das Lied vorher kennenzulernen,man kann nicht plötzlich ein Lied vorstellen und von der Gemeinde verlangen dass Sie es sofort singt,besonders dann wenn im Gesang eine verminderte Quinte vorkommt.

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