Patrozinium am 26.12.2018: Kirche St. Stephanus in Kusterdingen

In einer Beschreibung des Oberamts Tübingen von 1867 wird Kusterdingen beschrieben als „Gemeinde mit 1132 Einw., worunter 7 Katholiken. Der große freundliche Ort liegt frei und angenehm auf der zwischen dem Neckar- und dem Echazthale sich erhebenden Hochfläche. Rings um den Ort gehen schöne Obstbaumwiesen und treten zwischen den stattlichen Häusern bis an die gut gehaltenen, gekandelten Straßen heran.“

von Michael Steibli

Allerdings konnten sich nicht alle Menschen in jener Zeit an der Beschaulichkeit des Orts erfreuen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte vor allem eine starke Auswanderung in den Jahren der Hungersnöte von 1852 bis 1855 zu einem Rückgang der Bevölkerungszahl geführt. Mindestens 1200 Menschen hatten ihre Heimat auf den Härten verlassen, um sich Osten Europas oder in Übersee eine neue Existenz aufzubauen.

Die Kirche bedeutete ihnen Heimat

Ganz anders nach dem zweiten Weltkrieg, als sich die Einwohnerzahl zwischen 1950 und 1970 um rund 50% erhöht hat. Geflüchtete und Heimatvertriebene aus dem Osten hatten letztendlich nach Kusterdingen gefunden, um sich dort eine neue Heimat aufzubauen. Neue Baugebiete wurden erschlossen, Häuser gebaut und, 1966, auch unsere katholische Kirche St. Stephanus. Dass diese Kirche dort steht, gibt mir Hoffnung, Geborgenheit und Mut.

  1. Anders als heute, wo viele Kirchen geschlossen werden oder von Schließung bedroht sind, haben die Menschen damals ihre Sehnsucht in die Tat umgesetzt, ein Haus zu bauen in dem sie in Gemeinschaft beten und ihren Glauben leben konnten. Auf diesen lebendigen Glauben zu schauen macht mich heute hoffnungsvoll.
  2. Die Kirche bedeutete ihnen Heimat. Der Glaube ist eine lebendige Wurzel, ohne die es keine Heimat geben kann. Das gibt mir Geborgenheit.
  3. Die mehrheitlich katholischen Zuwanderer fanden in der mehrheitlich protestantischen Gemeinde nach Flucht und Vertreibung eine neue Heimat. Das war damals keine Selbstverständlichkeit. Reformation und Gegenreformation hatten, zusammen mit politischem Machtstreben, in die große Katastrophe des 30-jährigen Krieges geführt. Katholische und evangelische Christen hatten sich in Feindschaft gegenüber gestanden, mühsam wurde im Westfälischen Frieden ein Gleichgewicht geschaffen, aber die gegenseitigen Ressentiments waren über Jahrhunderte geblieben. Das ist heute, Gott sei Dank, längst überwunden. Evangelische und katholische Christen reichen sich in der Ökumene die Hand.
Kirchenfenster: Steinigung des Stephanus

Zeichen der Hoffnung in dieser Zeit

Ich schöpfe daraus Mut angesichts der Herausforderungen der heutigen Zeit. Fremde Menschen kommen zu uns, Flüchtende vor Elend, Krieg und Vertreibung auf der Suche nach einem besseren Leben und einer neuen Heimat. Auch sie haben die Sehnsucht nach einem Raum, in dem sie ihren Glauben leben können, auch für sie kann es ohne Glauben keine Heimat geben und es ist an uns, den Zuwanderern von heute die Hand zu reichen.

Unsere Kirche St. Stephanus, finde ich, ist ein Zeichen der Hoffnung in dieser Zeit. Haben wir Vertrauen! Evangelische und katholische Christen feiern den 26.Dezember als den Tag des Heiligen Stephanus, der „voll Gnade und Kraft“ Wunder und große Zeichen unter dem Volk tat (Apg. 6,8).

Mittwoch, 26.12.
St. Stephanus
10.30 Uhr, Kusterdingen, Patrozinium, Festgottesdienst
mit Liederkranz

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