„Schaut hin“ – Ökumenische Kirchentage ein Relikt aus anderen Zeiten oder nach wie vor von Nutzen?

„Schaut hin“ war das Motto des diesjährigen ökumenischen Kirchentags in Frankfurt. Mit durchschnittlich über 100.000 TeilnehmerInnen sind die Kirchentage schon ein Mega-Event. Diesmal wegen Corona allerdings weitgehend digital.

Von Eva Schlegel, Gerlinde Münch und Rainer Degen

Was ist der ökumenische Kirchentag?

Am Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) nehmen alle christlichen Kirchen teil, die im Arbeitskreis Christlicher Kirchen vertreten sind, federführend aber sind die evangelische und die katholische Kirche. Der erste ÖKT fand 2003 in Berlin statt. Damals waren über 200 000 Dauerkarten verkauft worden, die zwischen 43 € und 79 kosteten. Der zweite ÖKT fand 2010 in München statt, hier nahmen nur rund 130 000 Gläubige die gesamte Zeit teil. Eine Dauerkarte kostete zwischen 54 € und 89 €. Der Dritte ÖKT sollte dieses Jahr 2021 in Frankfurt stattfinden. Aufgrund der Corona-Pandemie fand er nur digital statt. Die Verantwortlichen erwarteten bei einem Präsenz-ÖKT ca. 100 000 Gläubige. Wie viele es nun tatsächlich bei den digitalen Angeboten waren, lässt sich nicht ermitteln. Aber vermutlich deutlich weniger. Der ÖKT in Frankfurt kostete etwa 18 Millionen Euro und stand unter dem Leitwort: „Schaut hin“. Die Organisation der Ökumenischen Kirchentage liegt beim Deutschen Evangelischen Kirchentag und beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Es ist also ein Kirchentag, der von den Laienorganisationen geplant und durchgeführt wird.

Am Ende des Tages darf man mal fragen: Macht der ökumenische Kirchentag überhaupt noch Sinn?

Ja, sagt
Rainer Degen

Ökumene ist erstens ein Prozess des Gesprächs, des Dialogs. Das kann man natürlich in der eigenen Gemeinde tun und sich regelmäßig mit dem Gegenüber austauschen. Aber seien wir ehrlich: das stößt hinsichtlich neuer Inspirationen irgendwann an eine Grenze. Schmoren im eigenen Saft. Wenn man dabei nicht aufpasst, verkümmert das irgendwann sogar zur nichtssagenden Routine und danach zum Erlahmen. Man hat sich nicht mehr viel zu sagen. Ein Kirchentag auf neutralem Gelände bietet dagegen die Chance zum Befreiungsschlag, zum Dialog in einer ganz anderen Größenordnung. Impulse? Bitte gerne. Hier gibt es jede Menge.

Zweitens eröffnet ein Kirchentag die Möglichkeit, ein gemeinsames Verständnis in die Tat umzusetzen. So geschehen beim diesjährigen ökumenischen Kirchentag, wo Protestanten, Katholiken, Orthodoxe und Freikirchler gemeinsam Abendmahl gefeiert haben. Das gemeinsame Abendmahl ist ein theologischer Streitpunkt zwischen Katholiken und Protestanten. Ein Kirchentag erlaubt es, Grenzen zu überwinden und ein neues Zusammensein auszutesten. Man feierte in vier konfessionellen Gottesdiensten. Katholische Christen beim evangelischen Abendmahl, Protestanten nahmen an einem katholischen Gottesdienst teil. Dabei muss man wissen, dass den Katholiken die Teilnahme am evangelischen Abendmahl aber verboten ist. Prompt gab es aus Rom eine ablehnende Stellungnahme. Beim Kirchentag verwischen halt eben die Grenzen. Das Stichwort: Gastfreundschaft bei Eucharistie.

Die Kirche sei an einem toten Punkt meinte Kardinal Marx und verkündete seinen Wunsch, das Schiff verlassen zu wollen. Nebenbei bemerkt: der Kapitän geht als letzter von Bord. Aber das ist ein anderes Thema. Aber hinsichtlich des toten Punkts: Wir stammen aus der gleichen Quelle. Wir müssen unsere Energien ins Gemeinsame stecken und nicht ins Trennende. Wir machen das ja u.a. bei unserem Adventskalender. Daher kann unsere Zukunft nur ökumenisch sein.

Nein, sagt
Gerlinde Münch

Seit über 40 Jahren besuche ich Kirchentage und in letzter Zeit auch Katholikentage. Dazu kam ich durch meine Freundin, die mit einem evangelischen Pastor aus Hannover verheiratet ist. Meine Begeisterung findet kein Ende, wenn ich an die vielen Eindrücke, Gedankenanstöße und musikalischen Geschenke denke, die ich dort erleben durfte. Ab und zu besuchte ich auch Katholikentage, habe aber immer wieder feststellen müssen, dass sich in mir bei den Diskussionsbeiträgen, wenn es um Ökumene ging, Ärger breit machte. Was für einen geringen Stellenwert die Ökumene in der katholischen Kirche hat, zeigt sich auch in der kleinen Besetzung der Abteilung Ökumene in der Diözese Rottenburg und in der schwierigen Situation bei der Zulassung von evangelischen Menschen zur Eucharistie, ganz zu schweigen bei der Zulassung von Ehepartnern bei konfessionsgemischten Paaren.

Mein schlimmstes Erlebnis war in Ulm auf dem Katholikentag vor vielen Jahren, als die damalige evangelische Bischöfin Frau Margot Käßmann beim Eröffnungsgottesdienst mit auf der Tribüne saß und von der Kommunion ausgeschlossen wurde. Da habe ich mich echt für meine Kirche geschämt, denn Gastfreundschaft sieht anders aus! Ich bin überzeugt davon, dass Jesus die Bischöfin und alle, die an ihn glauben, willkommen geheißen hätte. Für mich ist die Eucharistiefeier ein symbolischer Akt, in dem ich an das letzte Abendmahl mit den Jüngern erinnert werde und gemeinsam mit Vielen meinen Glauben feiere.

Am 3. Ökumenischen Kirchentag habe ich nicht teilgenommen, da ich zu wenig Reformwillen bei unseren Bischöfen wahrnehme und daher befürchten musste, dass dieser Kirchentag mehr Unwillen als Freude in mir wecken würde. In den Gemeinden wird schon viel mehr Ökumene gelebt, als von oben gestattet ist. Aber genau das ist das Ärgernis, dass die starre Haltung Roms und der Leitung unserer Kirche in Deutschland zu sehr in Kirchengesetzen verharren und damit nicht glaubwürdig über Ökumene sprechen können.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass Kirchentage und Katholikentage Sinn machen und die Möglichkeit bieten vielen gleichgesinnten Menschen zu begegnen. Die Stimmung in den Städten, in denen sie veranstaltet werden, sind von einem besonderen Spirit durchweht. Und wann hat man/frau schon die Gelegenheit, sich so intensiv und vielfältig mit dem eigenen Glauben auseinanderzusetzen.

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