Spiritualität – ein inflationär benutzter Begriff

In unserer Rubrik „Ansätze für einen kulturellen und spirituellen Wandel“ stellen wir in regelmäßigen Abständen Gebete und Texte vor. Diesmal geht es um die Definition des Begriffes Spiritualität.

Ein Annäherungsversuch

Als ich dem Wort Spiritualität vor vielen Jahren begegnet bin, verstand ich nicht, was es bedeuten soll. Die Erklärungsversuche, die ich dann von verschiedenen Seiten hörte, verstand ich genauso wenig.

Von Gisela Herterich

Es hatte irgendwie mit Religion oder Seele oder Mystik oder Gott zu tun, aber niemand konnte dieses Wort so eindeutig beschreiben. Die Bibel war ein Buch mit sehr vielen Seiten, ein Kreuz waren zwei Balken aus Holz oder Stein oder Metall etc, die Evangelien sind schriftliche Berichte, in denen Stationen aus dem Leben von Jesus Christus beschrieben sind und die jeder lesen kann, aber was war Spiritualität?

Heute wird dieser Begriff geradezu inflationär verwendet und kommt nicht mehr nur im Zusammenhang von Christentum oder Religionen vor. Spiritualität ist abgeleitet von dem lateinischen „Spiritus“, was viele Bedeutungen hat und im Deutschen z. B. mit „Wind, Atem, Leben, Geist, Seele, Sinn, Begeisterung, Feuer“ usw. übersetzt werden kann.

Traditionell wurde Spiritualität im Christentum lange Zeit mit Frömmigkeit gleichgesetzt und war damit dem Bereich Religion und Mystik zugeordnet. Für mich auch nicht greifbar oder erfassbar. Ich kam der Spiritualität langsam näher über die Medizin.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff „spirituelle Bedürfnisse des Menschen“- unabhängig von Religion und Christentum – zunehmend in der Literatur von Psychologie, Humanismus, Meditationsmethoden verschiedener Kulturen, Esoterik und anderen Richtungen von Sinnsuche auf. Oft wurden damit sehr vage irgendwelche mystischen Gipfelerfahrungen beschrieben, die religiös oder nichtreligiös erlebt werden können. Mehr und mehr kam Spiritualität heraus aus dem Kreis von organisierter Religion und steht inzwischen für das individuelle Erleben der eigenen Beziehung zu Gott oder einer höheren Macht, die mit Geborgenheit, Verlässlichkeit und Vertrauen verbunden ist und zu einem Erleben von seelischem Wohlbefinden führen kann.

Medizin und Spiritualität

Auch die Medizin fand einen Weg. Die Definition von Gesundheit, die die Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) 1948 beschlossen hatte, lautete: Gesundheit bedeutet Wohlbefinden des Menschen in den körperlichen, geistigen und seelisch-sozialen Bereichen seines Lebens . Ungefähr 15 Jahre später wurde der Begriff „Lebensqualität“ in die Behandlung von Krankheiten eingeführt. Das Therapieziel bei schweren Erkrankungen wechselte von „Überleben irgendwie und um jeden Preis“ auf das subjektive Empfinden von „lebenswertem Leben“ verändert. Und zwar lebenswert in jeder Beziehung, so dass ein Mensch sich wohlfühlen kann. Und „wohlfühlen „ ist etwas subjektives, nicht von außen allein herzustellen und betrifft den ganzen Menschen: Körper, Seele, Geist und sein soziales Umfeld.
Medizin gilt dem ganzen Menschen und Heilen ist mehr als „körperliche Schäden zu reparieren“. Das ist besonders spürbar bei chronischen, schweren Erkrankungen mit ungewissem Ausgang. Sie konfrontieren Menschen mit Fragen, die sie in guten Zeiten auf „später“ verschieben können. Und jetzt sind sie da, die spirituellen Bedürfnisse, unabhängig von einer Religionszugehörigkeit oder einem bestimmten Glauben.
Inzwischen wird Spiritualität in der Medizin langsam mit einbezogen. Zuerst wurde sie Teil der Behandlung in der Palliativmedizin. In München gibt es inzwischen einen Lehrstuhl für „Spiritual care“ an der Ludwigs-Maximilians-Universität. Auch die Universität in Zürich hat nachgezogen.
Für die Medizin keine leichte Aufgabe. Die spirituellen Fragen der Menschen sind etwas sehr Persönliches, Intimes, Verletzliches, Wertvolles und Heiliges, was sehr viel Behutsamkeit braucht.

Spiritualität erfahren anhand von beispielhaften Biographien

Am Ehesten habe ich eine Ahnung von Spiritualität erfahren durch Menschen, durch ihr Reden, ihr Handeln, ihr Leben oder danach in der Natur, in der Stille.
Mit Hilfe von Biographien und Beispielen möchte ich eine Annäherung an die Spiritualität versuchen, soweit das mit Worten möglich ist …

Ein Gedanke zu „Spiritualität – ein inflationär benutzter Begriff

  1. Ich habe mich gefreut über diesen Artikel. Gut zu verfahren, dass es nun Lehrstühle für spiritual care gibt. Das zeigt, dass „die“ Schulmedizin sich immer mehr öffnet: weg vom reinen Reparieren – als wären wir geistlose Apparate – hin zu einem ganzheitlichen Menschenbild und individuellen Bedürfnissen und Bewertungen der einzelnen Patienten.
    Danke für die Ausführungen zu Spiritualität. Ja, es ist nicht so einfach greifbar oder erklärbar. Das sind ja aber viele Wörter, die individuell erlebt werden müssen wie zB auch „Liebe“. Mir gefällt das Bild, dass solche Begriffe sind wie Pralinen. Sie sind individuell gefüllt. Ich denke bei Pralinenfüllung an Nougat, bei jemand anderem ist es Marzipan, oder Krokant, oder Buttercreme oder Schnaps.
    Was mich stört ist, wenn jemand mir vorschreibt, wie es genau zu sein hat. Und wirklich ärgern tut mich, wenn der Begriff Spiritualität von der Esoterik vereinnahmt wird und und wir Christen ihn uns gefühlt wegnehmen lassen. Genauso empfinde ich das bei „Meditation“. Da denkt der Großteil der Menschen inzwischen ausschließlich an fernöstliche Praktiken. Wohl gemerkt: ich habe nichts dagegen, neue Erfahrungen zu machen, mich bereichern zu lassen, aber auch im Christentum sind viele Schätze und Traditionen die wir nutzen können, um Spiritualität zu leben.

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