Von der Freiheit eines Christenmenschen – 5. und letzter Teil

Prälat i.R. Paul Dieterich hielt am 31.10.2017 in Wannweil den Vortrag „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Unsere Kirchengemeinde hat ja im Jahr 2017 so Einiges für die Ökumene auf die Beine gestellt. Wir finden: Dieser Vortrag bildet einen würdigen Schlusspunkt. Wir haben daher Prälat Paul Dieterich um die Freigabe zur Veröffentlichung gebeten. Der Vortrag geht über mehrere Teile. In dieser Woche lesen Sie den 5. und letzten Teil.

von Paul Dieterich

Luther und die christliche Freiheit –  Tendenz zum Arrangement mit dem Staat

Die geschichtlich und kirchengeschichtlich Versierten unter uns werden mich nun vielleicht fragen: Wie kommt es aber, dass gerade im Luthertum das Bündnis von Thron und Altar gedeihen konnte, dass lutherische Christen immer wieder die Rechte der Herrscher von Gottes Gnaden gegen die aufkommende Demokratie befestigt haben? Wie kommt es, dass im Dritten Reich die lutherischen Kirchen im Kampf der Bekennenden Kirche durchaus nicht die Erste Geige gespielt haben, sondern eher  zögerlich waren, was den Widerstand gegen den Staat und vollends was den politischen
Widerstand betrifft? Woher kommt es, dass man diese Tendenz zum Arrangement mit dem Staat auch in der DDR bei lutherischen Theologen immer wieder bemerken konnte und dass sie lange Zeit durchaus nicht auf der Seite der so genannten Bürgerrechtler standen, dass viele erst ganz zuletzt auf den Zug der Wende aufgesprungen sind? Liegt im Luthertum eben doch ein Zug zur Befestigung demokratiefeindlicher Strukturen? Das Auseinanderreißen des kirchlichen und des politischen Bereichs rechtfertigen

Die Politik ist der andere Bereich, in den wir Kirchenleute nicht hineinreden dürfen

Ich sehe die Gründe dieser Haltung vieler Lutheraner in einer gewissen Interpretation der Lehre von den beiden Regimenten, von der ich nicht sicher bin, ob Luther selbst sie gut geheißen hätte. Konservative Lutheraner haben seine Zwei-Reiche-Lehre dazu benutzt, ein Auseinanderreißen des kirchlichen und des politischen Bereichs zu rechtfertigen. Das konnte dann dazu führen, dass ein Pfarrer, der sich mit Einsatz seines Lebens gegen jeden Eingriff Hitlers in den Bereich der Kirche gewehrt hat, zugleich aber darauf hinwies, dass er die Politik Hitlers natürlich nicht kritisiere. Das sagte er so, nicht weil er eine geheime Sympathie zur Politik Hitlers gehabt hätte, sondern weil er davon ausging: Die Politik ist der andere Bereich, in den wir Kirchenleute nicht hineinreden dürfen. Das konnte dazu führen, dass, krass ausgedrückt, ein Kirchengemeinderat, der bei der Reichsbahn Verantwortung trug, dafür gesorgt hat, dass die Züge nach Auschwitz fahrplanmäßig fuhren, dass er aber nicht wusste und auch nicht wissen wollte, was in den Zügen drin ist. Eine gewisse Schizophrenie zwischen ihrer Existenz als Christ und ihrer Existenz als gehorsamer Diener ihres Staates kann man bei lutherischen Christen gelegentlich schon feststellen. Natürlich gab es auch im Luthertum erstaunliche Ausnahmen. Aber oft bestätigt die Ausnahme die Regel.

Aus dieser Tatsache zu schließen, Luther sei ein Fürstenknecht gewesen, ist purer Unsinn. Auch wenn seine Zwei-Reiche-Lehre den Eindruck erwecken könnte, Luther habe sich für das politische Leben weniger interessiert, so war sein faktisches Verhalten doch ganz anders, als es dieses Verständnis seiner Zwei-Reiche-Lehre nahe legt.

Wenige Menschen im 16. Jahrhundert waren so sehr politisch engagiert wie Luther. Und kaum einer hat den Fürsten, wenn sie Unrecht taten, so ungeniert die Leviten gelesen wie Luther. Nicht nur den „altgläubigen“ Fürstbischöfen, sondern ebenso den lutherischen Fürsten. Aber seine Zwei-Reiche-Lehre, wie man sie im Lauf der Jahrhunderte verstanden hat, braucht unsere kritische Diskussion.

Ich verstehe Luthers Motivation zu ihr so: Der jüngere Luther wollte mit ihr den Politiker von der Herrschaft der Kirche Roms als auch von der Gewalttätigkeit gewisser Schwärmer wie Thomas Müntzer befreien. Er wollte, dass man sie in ihrer politischen Verantwortung als mündige Christen ernst nimmt, dass man ihnen nicht klerikal oder mit schwärmerisch religiösen Vorstellungen dreinredet. Zwanzig Jahre später, als das landesherrliche Kirchenregiment sich mehr etabliert hatte als es Luther lieb war und Luther selbst unter der Bevormundung der Kirchen durch „lutherische“ Fürsten litt, sah er in der Zwei-Reiche- Lehre eher ein Instrument, die Kirche vor dem Zugriff des jeweiligen Fürsten zu bewahren. Die neue Luther-Biographie von Heinz Schilling – „Martin Luther, Rebell in einer Zeit des Umbruchs“ – zeigt das m.E. deutlich.

Der politische Denker Martin Luther holt uns derzeit ein

Er hat ja in allen Zeiten die Unterwerfung des Glaubens unter das politische Kalkül oder den politischen Machtanspruch gefürchtet und verabscheut. Und er hatte mit protestantischen Fürsten, die für ihre Bündnisse die Kirche einspannen wollten – ich denke hier besonders an Philipp von Hessen – ein sehr gespanntes Verhältnis. Darum war Luther ja immer auch voller Bedenken gegen evangelische „Schutz- und Trutzbündnisse“, Er witterte auch in ihnen, dass der Glaube zum Vorwand politischer Machtgier genommen und so ganz anderen Mächten unterworfen werde. Seine Lehre von den beiden Regimenten ist ein Kapitel für sich. „Luther und die Politik“, vollends. „Luther und die Demokratie“, gewiss.
Und wenn wir Luthers Hochschätzung des Staates kritisieren, könnte es sein, dass dieselben, die ihn im Lutherjahr 1983 deswegen heftig getadelt haben, heute, wo wir einen afrikanischen Staat nach dem anderen zusammenbrechen sehen, wo aus den failing states (aus zerfallenden Staaten) und failed states (bereits zerfallenen Staaten) Menschen massenweise zu uns fliehen, ganz ähnliches zum Thema Staat sagen wie einst Luther.
Sie merken es oder merken es nicht. Es ist möglich, dass auch der politische Denker Martin Luther uns derzeit einholt. Dass er uns näher ist, als wir das merken.

Paul Dieterich, Prälat i.R.

Der Autor: Prälat im Ruhestand. Man könnte auch sagen im Unruhestand.  Seine letzte Station vor seinem Ruhestand war sieben Jahre lang die Prälatur Heilbronn und in der Verantwortung von 580.000 evangelischen Christen in 15 Kirchenbezirken. Paul Dieterich ist bekannt als exzellenter Prediger, hält Vorträge und engagiert sich nach wie vor ehrenamtlich.

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