Von der Freiheit eines Christenmenschen – Teil 1

Prälat i.R. Paul Dieterich hielt am 31.10.2017 in Wannweil den Vortrag „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Unsere Kirchengemeinde hat ja im Jahr 2017 so Einiges für die Ökumene auf die Beine gestellt. Wir finden: Dieser Vortrag bildet einen würdigen Schlusspunkt. Wir haben daher Prälat Paul Dieterich um die Freigabe zur Veröffentlichung gebeten. Der Vortrag geht über mehrere Teile. In dieser Woche lesen Sie Teil 1.

von Paul Dieterich

„Freiheit, Silberton dem Ohre, dem Herzen groß Gefühl“

So hat Klopstock die Freiheit besungen. Lassen Sie mich einmal ganz banal beginnen. Unser Leben besteht ja nicht zuletzt aus ganz Banalem. Und weil unser reales Leben hier zur Sprache kommen soll und bei Luther oft zur Sprache kommt, wage ich es, hier in Wannweil so Triviales zu erzählen. Als ich in den frühen Sechzigerjahren in Bonn studiert habe, hatte ich eine Hauswirtin, die mich – aus welchen Gründen auch immer – sehr ins Herz geschlossen und die mich gern gelegentlich ein wenig bemuttert hat. Wahrscheinlich kam ich ihr ziemlich hilflos vor. Ich ließ mir das gern gefallen.
Eines Tages nahm sie mich beiseite und sagte mir, was ihr einst ihr Vater, als sie ein junges Mädchen war, gesagt hatte, auf was sie achten müsse bei der Auswahl ihres künftigen Mannes. Er sagte: „Sieh ihm nicht nur in die Augen. Er macht dir gewiss schöne Augen und täuscht dich. Sieh ihm hinten auf die Absätze seiner Schuhe. Wenn die abgelaufen und schief sind, einen solchen bringst du mir bitte nicht ins Haus. Denn ein solcher verjuxt nur und lässt verkommen, was ich für dich erspart habe. Also sieh auf die Absätze!“ Das meint wohl Jesus, wenn er von denen redet, die Mücken seihen und Kamele verschlucken, d.h. von denen, die das Wichtige in der Thora, Recht, Barmherzigkeit und den Glauben, beiseite lassen und Minze, Dill und Kümmel verzehnten (Matth. 23,23f).

Wir fühlen uns gerade auch als Christen getestet

Ich würde dieses banale Beispiel hier nicht bringen, wenn nicht immer wieder unsere Mentalität von der Furcht vor schiefen Absätzen und anderen Äußerlichkeiten mehr geprägt wäre als von der Frage, wie wir wirklich Menschen zum Leben, zum Überleben, helfen könnten. Spätestens wenn wir im Fernsehen Mütter mit ihren kleinen Kindern durch den Dreck stapfen sehen – wie wäre es erst, wenn wir sie leibhaftig vor uns hätten! – oder wenn wir in der Zeitung lesen, Soldaten würden jetzt dann gegen sie eingesetzt – wie gut, dass ich nicht mehr Soldat werden kann; was würde ich tun? – , spätestens dann merken wir, dass dieses feinsäuberliche Trachten nach äußerlicher Korrektheit schlichtweg banal ist. Es macht uns unfrei, zwanghaft. Und es hindert uns, unsere Kräfte wirklich für Menschen einzusetzen. Aber die Sorge des Vaters meiner Hauswirtin in Bonn verblasst ja völlig vor den Bildern, die uns einstweilen auf den Leib rücken. Haben wir bisher aus der Feme bedauernd und durchaus besorgt zugesehen, wie der arabische Frühling fast überall in chaotischen Zuständen endet, haben wir bisher aber im Stillen gedacht: Syrien liegt weit weg, es wird ja nicht gerade uns treffen, so rückt jetzt das Elend massenweise und massiv auf uns zu. Wir fühlen uns gerade auch als Christen getestet.

Einige spüren, dass wir bisher in einer Art Reservat gelebt haben. Das scheint bald vorbei zu sein. Einige nehmen allen Mut zusammen und sagen „Wir schaffen das“. Ich finde das tapfer. Wo doch jeder weiß, dass wir früher oder später an unsere Grenzen stoßen. Die bereits ihre Grenzen spüren, sagen: Wir schaffen das nicht. Wir stoßen längst an die Grenzen unserer Kraft. Einige sagen das, obwohl sie bisher keinen Finger für die Asylbewerber oder sonst in Not Gekommene gerührt haben. Sie fürchten eben, in ihrem Trott gestört zu werden. Andere sagen es, weil sie mit ihren Kräften wirklich am Anschlag sind, sei es in der Arbeit für Asylbewerber, sei es in ihrer täglichen Sorge für andere hilflose Menschen, die sie täglich, vielleicht sogar stündlich zum Überleben brauchen.

Was bedeutet in diesem Fall Freiheit? Gar Freiheit eines Christenmenschen?

Am 3. Oktober 2015 kam in der großen Jubiläumsfeier ,,25 Jahre deutsche Einheit“ in der Frankfurter Paulskirche das Wort Freiheit in fast jedem Satz vor. So oft, dass ich fast eine Inflation des Wortes Freiheit befürchtete. Der Bundespräsident hielt eine gute Rede mit vielen bedenkenswerten Anregungen. Er sagte freilich in einem Nebensatz, man müsse künftig die Grenzen Europas besser sichern. Da hätte ich ihn gern gefragt, wie er das meint. Sollen wir 26 Jahre nach dem 9. November 1989 um Europa Mauern und Zäune bauen, um unsere hoch gepriesene und in der Paulskirche gefeierte Freiheit zu schützen? Oder meinte er unsichtbare, aber umso abschreckendere Zäune? Man hat in jener Feierstunde die Freiheit hoch gepriesen. Aber welche Freiheit? Freiheit wovon? Und Freiheit wozu? Geradezu erleichtert war ich, als man zum Schluss nicht noch „Freude schöner Götterfunken“, die Freiheitshymne der Deutschen und Europas, gesungen oder gespielt hat. Mancher, der Schillers Text kennt, hätte bei den Worten „Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt“ nicht gewusst, wohin sehen.

Ich bringe das hier, weil es unsere gegenwärtige Situation beleuchtet. Europa haben einige konstant und tapfer als Werte-Gemeinschaft beschworen. Ich auch. Jaques Delors Mahnung, wir sollten Europa eine Seele geben, trieb mich. Wir proklamierten, Europa sei nicht lediglich eine Wirtschaftsgemeinschaft. Es sei mehr. Der wesentliche Wert Europas sei die Freiheit. Aber kann man den Wert Freiheit mit Zäunen und Mauem schützen? Jeder von uns spürt, dass Europa in der Krise ist. Weniger weil Menschen anderer Herkunft massenweise zu uns flüchten. Sondern weil Europa drauf und dran ist, seine hoch gepriesenen Werte aufzugeben. Wir können nur Gott bitten, dass er siebzig Jahre nach dem großen Weltkrieg Europa aus der Krise heraushilft.

In dieser Situation feiern wir heute das Reformationsfest, das letzte in der Luther-Dekade. Was sagt uns Luther über die Freiheit? Und was würde die Freiheit, die er etwa in der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ 1520 beschreibt, für uns heute bedeuten?

Paul Dieterich, Prälat i.R.

Der Autor:
Prälat im Ruhestand. Man könnte auch sagen im Unruhestand.  Seine letzte Station vor seinem Ruhestand war sieben Jahre lang die Prälatur Heilbronn und in der Verantwortung von 580.000 evangelischen Christen in 15 Kirchenbezirken. Paul Dieterich ist bekannt als exzellenter Prediger, hält Vorträge und engagiert sich nach wie vor ehrenamtlich.

Lesen Sie in der kommenden Woche in Teil 2 wie Luther Jesus Christus gefürchtet hat und was von dem Gedanken des freien Christenmenschen heute noch übrig ist.

Ein Gedanke zu „Von der Freiheit eines Christenmenschen – Teil 1

  1. Meine Meinung dazu:
    1. Es geht nicht um Freiheit von…
    zB Pflichten, Zumutungen, Herausforderungen, Ängsten, Unsicherheiten etc.,
    sondern um Freiheit, zu….
    entscheiden, handeln, helfen, zu meinen Werten zu stehen etc..
    2. Es geht nicht darum, was andere tun oder von mir denken, sondern darum, was ich tue oder nicht tue, und ob ich es vor mir, meinem Gewissen, Gott, verantworten kann.

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