Von der Freiheit eines Christenmenschen – Teil 2

Prälat i.R. Paul Dieterich hielt am 31.10.2017 in Wannweil den Vortrag „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Unsere Kirchengemeinde hat ja im Jahr 2017 so Einiges für die Ökumene auf die Beine gestellt. Wir finden: Dieser Vortrag bildet einen würdigen Schlusspunkt. Wir haben daher Prälat Paul Dieterich um die Freigabe zur Veröffentlichung gebeten. Der Vortrag geht über mehrere Teile. In dieser Woche lesen Sie Teil 2.

von Paul Dieterich

„Tue Gutes und rede darüber“

Martin Luther hat im März 1518 – übrigens erst nach dem Anschlag
der 95 Thesen an die Schlosskirchentür in Wittenberg –
das Evangelium wieder entdeckt, dass Gott uns gnädig und
barmherzig ist allein aus Gnade, nicht auf Grund der guten Werke,
die wir vollbringen. Das war für sehr viele Leute damals
eine grandiose Befreiung. Denn viele fromme Christen häuften
ein Leben lang gute Werke auf irgendein himmlisches Konto,
um nach ihrem Tod am Jüngsten Tag vor Gott bestehen zu
können. Sie versuchten, ihre Existenz vor Gott durch ihre Guttaten
zu rechtfertigen.
Und was sie Gott gegenüber zu tun versuchten, das haben sie
mehr oder weniger taktvoll auch voreinander getan, indem sie
dem modernen Slogan folgten: „Tue Gutes und rede darüber“.
Und was sie voreinander praktiziert haben, das haben sie auch
vor sich selbst versucht. Das ist uns gar nicht so fremd. Etwa
wenn einer einen Schlaganfall überstanden hat, bei dem ihm
sterbensübel war und bei dem er doch letztlich ganz gut wegkam.
Da hat sich mancher mit dem Titel von Thomton Wilders
Theaterstück gesagt: „Ich bin noch einmal davon gekommen“.
Jetzt will ich aber mein Leben vollends nützen und mit möglichst
vielen guten Taten rechtfertigen, dass der Herrgott mich
noch einmal dem Tod von der Schippe springen ließ. Wozu
wenn nicht dazu hat er mir das Leben noch einmal gegeben?
Das klingt ziemlich gut. Und kaum einer von uns wagt es, einem
Menschen, der so sein wiedergeschenktes Leben „rechtfertigen“
will, zu widersprechen. Aber wird er je genug getan
haben, um sich sagen zu können: Jetzt bin ich so weit, jetzt
habe ich die Tatsache, dass mir mein Leben wiedergeschenkt
wurde, durch meine diakonische Aktivität gerechtfertigt? Wird
er nicht sehr bald an enge Grenzen stoßen? Wird er sich dann
quälen mit der Frage: Sehe ich meine Grenzen nicht viel zu
eng? Ich frage mich: Ist das nicht der sicherste Weg, dass sich
ein Mensch vollends kaputt macht?

Jesus Christus hat er damals nur noch gefürchtet

Es hat am Beginn des 16. Jahrhunderts nicht jeder so einfältig
und unkritisch sein Leben durch gute Werke allein rechtfertigen
wollen. Der Mönch Martin Z.B. war einige Zeit lang sehr
beeindruckt von der so genannten via modema oder Demutstheologie.
Der überaus selbstkritische Martin Luther versuchte
bis zum Exzess, demütig zu werden. Seine Demut sollte bis
zur resignatio ad infemum gehen, bis dahin, dass er auf den Willen, selig zu werden, verzichtet und von sich sagt: „Wenn
Gott mich für ewig verdammen will, dann wird er schon wissen,
warum. Und dann gebe ich mich damit zufrieden. Ich bejahe
seinen Willen, was immer er über mir beschlossen hat“. Er
hoffte, mit dieser Art Tötung seines Eigenwillens vor Gott
halbwegs akzeptabel zu werden.
Jesus Christus hat er damals nur noch gefürchtet. Er sah ihn vor
sich als Richter des Jüngsten Tages, der die letzte Falte meines
Wesens durchblickt, dem ich nichts vormachen kann. Besser
ich begegne ihm nicht. Schlimm genug, dass er mich jetzt
schon durchschaut.

Seinen damaligen Zustand hat er sieben Jahre später so charakterisiert:
„Dem Teufel ich gefangen lag, im Tod war ich verloren,
mein Sünd´ mich quälte Nacht und Tag, darin ich war geboren.
Ich fiel auch immer tiefer drein, es war kein Guts am
Leben drein, die Sünd´ hat mich besessen“.

Sie werden sagen: Das haben wir hinter uns. Wir sind ja
schließlich evangelisch. Schnee von vorgestern.
Wirklich? Ja, wir sind nicht mehr so religiös, dass wir unser
Leben als Vorstufe des ewigen Lebens ansehen, als eine Art
Punktesammeln für den Jüngsten Tag. Die Verbindung nach
oben ist bei uns, wenn überhaupt vorhanden, wenig entwickelt.
Wir leben vor einander, vielleicht auch vor uns selbst. Aber
wie leben wir?

Die eigene Existenz aus der eigenen Leistung zu rechtfertigen

Folgt nicht aus der Haltung, die eigene Existenz aus der eigenen
Leistung zu rechtfertigen, jener gegenseitige Konkurrenzkampf,
eine Lebensart, die den Kindern schon in der Schule,
womöglich schon im Kindergarten, eingeprägt wird? Und dann in der vierten Klasse der Volksschule, wenn es darum geht, ob
das Kind in die höhere Schule kommt. Und dann besonders
heftig wieder in der Oberstufe des Gymnasiums? Ich habe das
im Religionsunterricht oft genug miterlebt, wie auch sonst sehr
nette Schüler um die Note „sehr gut“ gezerft haben. Ja, ich war
selbst irgendwann von diesem Leistungsdenken gepackt, legte
meinen Ehrgeiz drein, die Schülerinnen und Schüler in „freiwilligen“
Nachhilfestunden auf die Eins zu trimmen und brachte
ihnen gelegentlich Details bei, von denen ich wusste, dass
der Schüler den Prüfer von auswärts in Verlegenheit bringt,
weil der das alles gewiss nicht weiß. All das war fragwürdig
genug. Aber ich fand Gefallen dran.
Das war ein ganz heiteres Spiel. Aber wozu haben wir die jungen
Leute erzogen? Kameradschaft, wenn jeder der Konkurrent
des anderen ist? Schonung der Schwachen? Aber wenn sich in
den letzten Jahren des Gymnasiums faktisch entscheidet, ob
der Strebsame später das Fünffache des Schwächeren verdient?
Ist das nicht eine Art Leistungssystem, in das hinein wir
die jungen Leute erziehen? Und klingen unsere christlichen
Ideale von wegen „Einer trage des anderen Last“ vor diesem
Hintergrund nicht merkwürdig weltfremd?

Freilich: Was ich hier feststelle, haben in letzter Zeit viele gespürt
und sie haben in unserem Schulsystem mit der Gesamtschule
bis hin zur Inklusion behinderter Schülerinnen und
Schüler eine Art Gegenbewegung gestartet. Wir können nur
hoffen, dass die Inklusion nicht einfach um der Inklusion willen
ohne wirkliche Rücksicht auf die betroffenen behinderten
Kinder geschieht. Möge diese notwendige und gute Gegenbewegung
gegen die Abtrennung von behinderten Menschen mit
wirklichem Augenmaß für die Betroffenen geschehen und dann
wirklich glücken. Das wäre ein wesentlicher Schritt zur Freiheit nicht nur für behinderte Menschen, sondern auch für diejenigen,
die als „normal“ gelten.

Paul Dieterich, Prälat i.R.

Der Autor:
Prälat im Ruhestand. Man könnte auch sagen im Unruhestand.  Seine letzte Station vor seinem Ruhestand war sieben Jahre lang die Prälatur Heilbronn und in der Verantwortung von 580.000 evangelischen Christen in 15 Kirchenbezirken. Paul Dieterich ist bekannt als exzellenter Prediger, hält Vorträge und engagiert sich nach wie vor ehrenamtlich.

Hat dieses umfassende Leistungs- und Konkurrenzsystem, in dem wir leben, unsere Welt lebenswerter und friedlicher
gemacht? Was Paul Dieterich dazu meint, lesen in Teil 3 in der Woche vom 15. Januar 2018

Ein Gedanke zu „Von der Freiheit eines Christenmenschen – Teil 2

  1. Wie christlich ist unser Abendland – sind wir – wenn wir über christliche Werte reden, aber uns und unsere Kinder auf die kapitalistische, leistungs-, geld- und machtorientierte, neoliberale Ellenbogengesellschaft einstellen? Wenn die Angst vor Wohlstands- und Bequemlichkeitsverlust stärker ist, als Mitmenschlichkeit, Solidarität, Hilfsbereitschaft? Ich stelle auch mich selbst da sehr in Frage. Wo finde ich meine Position, was ist meine Aufgabe? Wie positionieren wir uns als Kirchengemeinde und wie handeln wir konkret?

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