„Zusammen gehören – miteinander feiern“

Einmal im Jahr findet ein ökumenischer Familien-Gottesdienst abwechselnd in der evangelischen Marienkirche und der katholischen St. Stephanuskirche in Kusterdingen statt. Für Sonntag, den 29. Oktober um 10 Uhr, hatten die katholische Kirchengemeinde Christus König des Friedens und die evangelische Kirchengemeinde in die evangelische Kirche eingeladen.

von Gerlinde Münch

Schon wenn man die Kirche betritt, beeindruckt die Schlichtheit des Innenraums und die Konzentration auf das Wesentliche. Auf dem Altar liegt eine aufgeschlagene Bibel und ein geteilter Stein, der von einem Holzbalken zusammengehalten wird, symbolisiert das Kreuz.

Altar Marienkirche Kusterdingen

Volles Haus beim Gottedienst „Zusammen gehören – miteinander feiern“

Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Kinderchor und Musikteam der ev. Kirchengemeinde Kusterdingen gestalteten die kindgerechten Kirchenlieder. An der Orgel spielte Ulrich Dönnges.
Dieser Sonntag stand unter dem Thema „Zusammen gehören – miteinander feiern“, anlässlich des Reformations-Jubiläums. Mit einer Tauferinnerung für Kinder und Erwachsene bezeugten Katholiken wie evangelische Gottesdienstbesucher ihre Zusammengehörigkeit im Glauben. Mit ein Höhepunkt des Gottesdienstes war das Kreuzzeichen, das sich die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher gegenseitig mit den Worten „das ist das Kreuzzeichen, das Dich mit Jesus Christus verbindet“, auf die Stirn zeichneten. Dafür wurden vorbereitete Schälchen mit Weihwasser in der Kirche verteilt. Eine weitere Besonderheit war der Friedensgruß, der für die Evangelischen bestimmt etwas ungewohnt war.

Bibeltext: Kämmerer aus Äthiopien

Diese Geschichte aus der Apostelgeschichte, in der ein Ausländer freundliche Aufnahme in Jerusalem erfährt, veranschaulicht in besonderem Maße, wie schön es ist dazugehören zu dürfen. Der Fremde ist der Finanzminister (Kämmerer) der äthiopischen Königin (Apostelgeschichte 8,26-39). Er möchte mehr von dem Gott erfahren, von dem er schon zu Hause gehört hat.  Der Kämmerer hat eine Sehnsucht, deshalb hat er den langen Weg nach Jerusalem auf sich genommen. Er will dazugehören.

Äthiopier im Jahr 2017

Die Predigt teilten sich unsere Gemeindereferentin, Eva Schlegel, und die Kusterdinger Pfarrerin, Susanne Fleischer. Für uns Katholiken ist es schon ein Erlebnis und auch ein wenig außergewöhnlich, wenn sich die Predigt von der Kanzel herunter auf die Häupter der Gläubigen ergießt.

Kanzel von Verdun
Predigttext von unserer Gemeindereferentin Eva Schlegel

„Liebe Gemeinde,

die Geschichte von der Taufe des Äthiopiers ist bezeichnend. Sie beinhaltet vieles, was auch heute noch für die Taufe gilt, sowohl aus evangelischer als auch aus katholischer Sicht. Denn es gibt nur die EINE Taufe, die gegenseitig anerkannt wird.

Aber was bedeutet die EINE Taufe? Die Geschichte vom Kämmerer kann uns dabei behilflich sein, denn er will dazugehören.

Der Kämmerer hat eine Sehnsucht, deshalb nimmt er den langen Weg nach Jerusalem auf sich. Er will dazugehören, will die heilige Stätte, den Tempel mit eigenen Augen sehen, Anteil haben am Glauben an diesem großen Gott. Auch wenn er als Eunuch weiß, dass er nie ganz dazu gehören kann.
Er nimmt sich ein Andenken mit, eine teure Schriftrolle, vermutlich vom Propheten Jesaja. Er will verstehen, was darin steht. Doch weil er die Sprache nicht gut kann, ist sie ein Geheimnis für ihn und er kann den Inhalt nicht verstehen. Gottes Geist schickt ihm Philippus, der von den Fragen des Fremden gehört hat und er kann dem Fremden die Antworten geben, die er sucht. Er erzählt ihm von Jesus und von seinem eigenen Glauben.

Auch heute ist Vieles für uns unverständlich, denn Glaube ist nicht einfach. Deshalb ist es so wichtig für uns, darüber, miteinander und untereinander zu reden. Wir sollten Fragen stellen und nicht denken, dass studierte Theologen/Religionspädagogen alles wissen. Jeder Glaubende/Getaufte versteht etwas vom Glauben. Glaube verändert sich auch durch unsere Erlebnisse und Erfahrungen. Wenn wir zu unserem Glauben gefragt werden, sollen wir darauf antworten. Manchmal sind wir aber auch sprachlos. Aber wir brauchen uns gegenseitig, wie der Kämmerer Philippus gebraucht hat.

Taufe als Folge, Taufe als Startpunkt

Beim Kämmerer hat das Gespräch mit Philippus die Taufe zur Folge. Er will dazu gehören. Er ist dafür offen, Teil der Gemeinschaft Jesu zu werden. Philippus zeigt ihm, dass er Gott nicht mehr im Tempel suchen muss.

Gott ist ihm in Jesus ganz nah gekommen. Für den Kämmerer ist das eine befreiende Botschaft: „Ich werde ganz und gar dazugehören. Ich bin kein Glaubender zweiter Klasse, sondern gehöre zu Jesus und werde mit hineingenommen in den Tod und die Auferstehung Jesu.“ Was das bedeutet, hat der Kämmerer gespürt, nicht analysiert und für gut befunden, sondern in seinem Herzen erlebt.

Erwachsenentaufe – nicht mehr alltäglich

Die Erwachsenentaufe ist nicht mehr die Regel. Doch wenn ein Jugendlicher oder Erwachsener sich taufen lässt, dann geht dem auch der Wunsch voraus,  dazuzugehören. Zu der Gemeinschaft? – Auf jeden Fall zu Gott. Gespräche über den Glauben, Gott und die Welt gehen der Taufe von Erwachsenen voraus.
Meistens sind es aber Säuglinge und Kleinkinder, die getauft werden. Die noch nicht selbst ihren Glauben bekennen können. Für sie ist die Taufe ein Startpunkt. Die meisten Eltern entscheiden sich für die Taufe, weil sie ja erst mal nicht schaden kann und der Gedanke, dass das Kind zu einer großen Gemeinschaft und zu Gott gehört, macht Mut. Die Taufe ist also der Startpunkt für den Glauben. Daraus kann sich beim Kind eine Sehnsucht entwickeln. Paten und Eltern sind die Stellvertreter, die Glauben wecken sollen beim Kind. Sie sind die ersten Ansprechpersonen, wenn sich beim Kind Glaubensfragen auftun. So kann das Kind immer mehr in den christlichen Glauben hineinwachsen. Und so wird es auch immer mehr Anteil haben an Christus und seiner Gemeinde.“

Predigttext von Pfarrerin Susanne Fleischer

„Liebe Gemeinde,

Trennungen sind schmerzhaft. Wir kennen das aus unserem persönlichen Leben:
Wenn man sich nach einem schönen Wochenende voneinander verabschiedet.
Wenn man von einem lieben Menschen Abschied nehmen muss – für immer.
Oder, auf andere Weise schlimm: Wenn eine Beziehung in die Brüche geht.

Die Reformation vor 500 Jahren hatte die Trennung der Kirchen zur Folge.
Viele christliche Konfessionen sind entstanden. schon im Ursprung der Trennung lag Streit und schlimmste Verwerfungen.
Der Papst nannte Luther ein Wildschwein, das im Weinberg Gottes wütet. Und verbannte ihn aus der Kirche. Luther verbrannte die päpstliche Bannbulle öffentlich. Und er nannte den Papst den Antichristen.
Beide Seiten waren nicht zum Dialog bereit. Im Namen der Konfession wurden Kriege geführt, allen voran der 30jährige Krieg im 17. Jahrhundert. Minderheiten wurden immer wieder aus den Gebieten der anderen Konfession vertrieben. die Reformationsjubiläen vor uns: 1617, 1717, 1817, 1917 – feierten Luther als Erlösergestalt von der Unterdrückung durch den Papst, zuletzt unsäglich nationalistisch vereinnahmt als Helden der Deutschen.

Das waren schmerzliche Erfahrungen, die teilweise bis in die heutige Zeit hineinspielen. Aber Schmerz hat auch etwas Gutes. Schmerz zeigt: wir sind lebendig, nicht abgestumpft und gleichgültig.
Schmerz zeigt: da ist Liebe zum anderen, den wir vermissen. Die Witwe sehnt sich nach ihrem verstorbenen Mann. Das Scheidungskind nach heiler Familie und Frieden. Der Schmerz zeigt: Die Welt ist, so wie sie ist, nicht in Ordnung. Und manchmal kann der Schmerz sogar zu einem neuen Weg führen.

Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert des Schmerzes.
Er sollte gipfeln in zwei Weltkriegen, in sinnlosem Morden und Sterben, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Danach sollten auch die Kirchen endlich verstehen: Unser Schmerz ist nicht vom anderen verursacht. Unser Schmerz kommt tief innen aus uns selber. Dass wir uns voneinander abgrenzen, dass wir uns beschimpfen und sogar hassen, das ist nicht christlich. Schon die Tatsache dass wir getrennt sind, ist nicht christlich. Es widerspricht unserem christlichen Glauben.
Jesus hat gebetet: „Vater, (…), ich bitte (…), dass sie alle eins seien.“
Und er hat gesagt: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“
Was bedeutet es eigentlich, dass wir alle an diesen einen Herrn Jesus Christus glauben?
Können wir sein Wort und seinen Wunsch einfach ignorieren?

Auch die Kirchen begannen endlich ihren Trennungsschmerz zu fühlen. Sie begaben sich auf einen Weg, den wir Ökumene nennen.
1910 brachen sie offiziell gemeinsam auf, bei der Weltmissionskonferenz von Edinburgh.
1948 wurde der Ökumenische Rat der Kirchen gegründet.
1961 bekannte sich auch die katholische Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil zum Ökumenismus.
Unzählige Begegnungen, Dialoge und Aktionen gab und gibt es seitdem. Keineswegs nur von offiziell kirchlicher Seite: Frere Roger gründete in Taizé die erste ökumenische Brüdergemeinschaft. Und Frauen aus aller Welt und allen Konfessionen feiern jedes Jahr den Weltgebetstag.

2017 feierten wir wieder Reformationsjubiläum. Das erste Reformationsjubiläum im Zeitalter der Ökumene. Das erste Mal, dass wir dieses Jubiläum miteinander feiern können: Ist das nicht ein Wunder?

Liebe Gemeinde,
Ökumene ist ein Weg. Immer noch ist dieser Weg ziemlich weit. Und um ehrlich zu sein, wissen wir gar nicht ganz genau, wohin er führt. Denn sogar über sein Ziel gibt es unterschiedliche Vorstellungen.
Aber aus der Bibel wissen wir: Auch der Weg ist wertvoll. Gerade der Weg. Denn Gott schickt seine Boten auf den Weg, wie Philippus zum Kämmerer von Äthiopien. Gott lässt sein Wort hören auf dem Weg. Gott schenkt Miteinander und Gemeinschaft auf dem Weg. Und diese Gemeinschaft hat ein Zeichen: das ist die Taufe.
Sie wird von den Kirchen gegenseitig anerkannt.
Sie ist das Sakrament, das uns verbindet.
Sie erinnert uns immer wieder daran:
Du und ich, wir sind Kinder Gottes.
Du und ich, wir gehören zu Christus.
Du und ich, wir sind Geschwister im Herrn.
Amen.“

Taufe über dem Taufstein

Was bleibt …

Dass diese Gottesdienste nur möglich sind, weil sich eine Gruppe von Menschen mit viel Engagement an den Vorbereitungen beteiligt hat, ist klar. Dafür ein ganz herzliches Dankeschön! Solche Gottesdienste sind ein besonderes Geschenk. Davon sollte es mehr geben. Sie ermöglichen uns Christen, mit mehreren Sinnen den eigenen Glauben zu erleben. Vielleicht sind diese Gottesdienste auch ein Schritt in die Zukunft einer neuen Spiritualität. Die volle Kirche ist ein Zeichen dafür, dass es angenommen wird.

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