Satte Christen?

Eine Kolumne von unserem Gast-Kolumnisten Michael Steibli

„Diese müden, satten Christen in unserem Land“, so war es neulich von einem Gastprediger in der Sonntagspredigt zu hören. „Nur ein Paar wollte auf der Nil-Kreuzfahrt den Gottesdienst besuchen. Alles ist uns wichtiger geworden als Jesus. Leere Kirchen, unbekannte Beichte, keine Tischgebete, Jesus will in die Welt, aber wir nehmen ihn nicht auf.“ Ja, so sind wir anscheinend.

Ich habe da eine andere Sicht der Dinge. Ich habe mir vorgestellt, wer da auf dem Kreuzfahrtschiff nicht am Gottesdienst teilgenommen hat. Vielleicht wollte einer in seinem Urlaub lieber den Gewürzmarkt besuchen. Oder es war der junge Mann, dem sein Pfarrer wegen seiner Homosexualität die Kommunion verweigerte. Oder der ältere Mann, der mir voller Bitterkeit erzählte, dass er alles Katholische seiner Kindheit ablegen musste, – die Geschichten von der Hölle und von Gott, der alles sieht und straft -, um wieder atmen zu können. Oder die Frau, die seit ihrer Abtreibung die gelehrten Abhandlungen über Barmherzigkeit nicht mehr erträgt. Vielleicht war es auch der Chefarzt, der von seinem katholischen Arbeitgeber entlassen worden war, weil er wieder geheiratet hatte.

Diese Menschen sind Sünder, gewiss. Aber müde und satt? Manche vielleicht, aber manche hungern nach einer spirituellen Heimat. Sie finden Trost in den Worten Jesu. Aber keinen Platz in der Kirche. Das ist schade.

Ein Gedanke zu „Satte Christen?

  1. Lieber Michael, danke für diese Kolumne, die ich jetzt erst gelesen habe. Wenn wir Menschen für unseren Glauben begeistern wollen, braucht es kein (Ver)urteilen, sondern Offenheit, Zuhören, Annehmen und einen selbstkritischen Blick.
    Viele Menschen sind nicht satt, sondern sehen Kirche nicht als Anlaufstelle für ihre Sehnsüchte und Fragen. Das kann an ihnen selbst, an „der Kirche“ und an uns persönlich als Christen liegen.

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