Selfie-Manie

Der Zug war schon längst weitergefahren. Der Bahnsteig hat sich geleert. Nur eine Gruppe halbwüchsiger Mädchen gruppierte sich schäkernd und kichernd im Halbkreis, die Köpfe dicht aneinander, alle Blicke auf ein kleines Gerät an einer Stange gerichtet: Natürlich musste es sein – ein Selfie am Ankunftsort: „Wir im Bahnhof“.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass es noch eine geraume Zeit bis zur nächsten Verbindung dauert, entschloss ich mich, noch einige Besorgungen in der Stadt zu erledigen. Vor dem Bahnhof nahm ich überrascht wahr, dass die Gruppe Teenies noch nicht viel weiter gekommen war. Das gleiche Bild: Die Köpfe beisammen, die Blicke kichernd und glucksend aufs Smartphone gerichtet – ein Selfie: „Wir in der Stadt“.

Ob die Vier auch irgendetwas von der Stadt mitbekommen? Oder ist ihre Zeit damit ausgefüllt, die immer gleichen Gesichter mit derselben kichernden Miene vor wechselnden, im Bild kaum erkennbaren Hintergründen aufzunehmen?

Mit gemischten Gefühlen beobachtete ich die Szene. Ist ja schon faszinierend, was die neue Technik an Möglichkeiten eröffnet. Wo bislang Eigenfotografien umständlich mittels Selbstauslöser erstellt werden konnten, lässt sich das einfach per Display-Touch bewerkstelligen. Und so grassiert zunehmend eine „Selfie-Manie“. Kaum ein Foto, auf dem nicht auch der Fotograf – meist im Vordergrund – verewigt ist.

Es scheint, immer mehr kreist alles um das eigene „Ich“; das Ego verdrängt die Welt, in der es sich befindet. Anzeichen von Selbstverliebtheit? Werden wir immer mehr zu einer narzisstischen Gesellschaft? Oder einfach nur Spaß am Event nach dem Motto „Ich bin dabei“? Mir gibt das immer mehr zu denken – und ich hoffe, dass sich der Blick auch wieder öffnet für die Welt drumrum.

Ein Gedanke zu „Selfie-Manie

  1. Wie sehr das Ego die Welt verdrängt ist auch an der Tatsache zur erkennen, dass vor lauter Selfie-Manie Leute zu Tode kommen, wenn sie über Klippen stürzen, oder sonst wie zu Tode kommen immer in der Absicht ein noch beeindruckenderes Bild zu erstellen. Es wäre interessant zu erfahren, wie viele dieser Milliarden Bilder nochmal betrachtet werden – als Erinnerung zum Beispiel – oder ob sie nur für eine bestimmte Betrachtergruppe von Interesse sind, um dem Narzissmus zu frönen.

Schreibe einen Kommentar zu Jörg Teufel Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.